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Pflegefamilien berichten

Meine Pflegekind ist eine große Bereicherung

Weihnachtsbacken, (c) Alliance - Fotolia.com„Gerade habe ich mein erstes Weihnachtsfest mit meinem dreijährigen Pflegekind gefeiert und es als eine große Bereicherung empfunden und erfahren. Wenn man mir das vor einem Jahr gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt. Miterleben zu dürfen, mit wie wenig Mitteln man einem kleinem Menschen eine Chance geben kann, macht mich dankbar und sehr glücklich. Zu sehen, wie ein Kind mit jedem Tag mehr zu einer eigenen Persönlichkeit wird und ein Selbstbewusstsein und Vertrauen entwickelt, ist mehr wert als alles andere. Es war und ist die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Ich habe noch keinen einzigen Tag bereut und würde es immer wieder so machen.“

Das Leben mit einem
Pflegekind in Dauerpflegschaft

"Der Ausdruck „Pflegekind“ ist für mich sehr befremdlich. Auch wenn es von formaler Seite her (Ämter, Ärzte...) schon mal vorkommt, dass unser Sohn so betitelt wird, fühle ich mich ihm gegenüber nicht als Pflegemutter, sondern als Mutter. Ich rede von Emil (Name geändert) auch nicht als von meinem/unserem Pflegesohn, sondern von meinem/unserem Sohn oder Kind. Meinem Gefühl, meiner Erfahrung nach, schafft der Begriff, welcher sicherlich auch eine Tatsache und Realität ist, eine Distanz, die in unserem Verhältnis zueinander nicht spürbar ist. Für mich ist Emil mein/unser Sohn und noch nie habe ich mich als Pflege (-Mutter) oder in irgendeiner Weise als Dienstleisterin fürs Jugendamt gefühlt.

Als mein Mann und ich uns um ein Pflegekind bemüht haben, war dies zu Anfang, neben anderen Ängsten und Unsicherheiten, sicherlich auch eine Sorge, die uns beschäftigt hat: „Werden wir uns wirklich wie Mama und Papa fühlen können, oder wird immer ein wenig das Bewusstsein mitspielen, doch nur am Förder- und Erziehungsauftrag beteiligt zu sein?“

Ich weiß es natürlich nur für uns, dass wir trotz sicherlich sehr schwieriger Ausgangsbedingungen (unser Sohn kam mit einem ganz schön „dicken Paket“ zu uns) eine sehr, sehr glückliche und ganz „normale“ Familie sind, die sich den Anforderungen des täglichen Lebens immer wieder neu stellt.

Junge mit Handy, (c) Markus Bormann - Fotolia.comAuch wenn unsere Lebenswirklichkeit eine andere Basis hat als die Lebenswirklichkeit unser befreundeten Familien oder Verwandten, so ist sie auf keinen Fall schlechter, besser oder problematischer. Sie ist einfach nur anders. Unsere Kinder haben eine etwas andere Biographie. Eine Biographie, die nicht mehr oder weniger stark Berücksichtigung finden möchte als die individuelle Geschichte leiblich geborener Kinder.

Sich dessen bewusst zu sein, dies annehmen zu können und bereit zu sein danach zu leben, kann das größte Glück sein, welches einem wiederfahren kann – so wir uns unser Sohn!"

Kinderwunsch? Pflegekind!

"Kinderwunsch? Glückliche Pflegeeltern sind wir nun seit ca. zwei Jahren und genießen jeden Tag, unsere Pflegetochter beim Entdecken der Welt begleiten zu dürfen.

Regelmäßig, in vierwöchentlichen Abständen, findet der Besuchskontakt statt. In den Räumen des Jugendamtes spielt dann unsere Pflegetochter mit ihren leiblichen Eltern, während wir mit der Betreuerin des Pflegedienstes in entspannter Atmosphäre Erfahrungen austauschen und ggfs. auch Tipps und Unterstützungen erhalten. 

Wir sind dankbar und froh, dass sich unser Wunsch erfüllt hat, das Aufwachsen eines Kindes in unserer Familie miterleben zu können und planen nun, unser Abenteuer fortzusetzen und ein weiteres Pflegekind aufzunehmen."

Wie die Jungfrau zum Kinde
Die ersten Monate als Pflegeeltern eines minderjährigen Flüchtlingsjungen

Als er sich auf den Weg macht, ist er 15. Fast zwei Monate wird seine Reise vom Osten des Iran bis in den Westen Deutschlands dauern, eine Entfernung, die andere bequem mit dem Flugzeug in fünf Stunden bewältigen. Mahdi (der Name ist geändert) legt große Teile der mehr als 5.000 Kilometer langen Strecke zu Fuß zurück, einige Passagen im Lkw, Bus oder Zug, quer durch den Iran, die Türkei und den Balkan.

Drei Wochen ist er "Gast" in einem türkischen Gefängnis, wo er seinen 16. Geburtstag feiert. Für die waghalsige Überfahrt im Schlauchboot auf eine griechische Insel wird Mahdi von den Schleppern zum Kapitän und Steuermann ernannt und ist stolz, "seine" Passagiere lebend übersetzen zu können. Dank offener Grenzen, die es im Herbst noch gibt, kann er schließlich ohne nennenswerte Hindernisse die Balkanroute nehmen, um am 17. November 2015 in einer Aachener Kaserne seine neue Heimat zu erreichen.

In der alten Heimat, einem Armenviertel der nordostiranischen Millionen-Metropole Maschhad, hat er seine Mutter und seine drei Schwestern zurücklassen müssen. Dorthin war die Familie vor neun Jahren aus Afghanistan geflohen, nachdem die Taliban den Vater ermordet hatten. Den Kontakt zur Familie hat Mahdi auf seiner Flucht nach Europa durchgehend halten können. Dank des Handys kann er Mutter und Schwestern regelmäßig über seine Etappenerfolge unterrichten, dank des Handys haben sie Gewissheit, dass der Sohn und Bruder das Fluchtziel zumindest ohne körperliche Blessuren erreicht hat, dank des Handys wissen sie auch heute, wie es ihm geht.

In Aachen findet er sich nun wieder, dieser unbegleitete minderjährige afghanische Flüchtling, als den ihn die deutschen Behörden erfasst haben, in einer deutschen Kaserne – zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen und als einer von inzwischen mehr als 60.000 minderjährigen Flüchtlingen, die in der Bundesrepublik gestrandet sind.

Erstkontakt in der Kaserne
Bis zu jenem 17. November 2015, wussten wir nichts von der Existenz und vom Schicksal Mahdis. Woher auch? Aber meine Frau war in jenen Tagen bereits – nennen wir es – „flüchtlingsaffin“: Seit Wochen engagierte sie sich bei der damals noch provisorisch organisierten Essenausgabe in jener Kaserne, die Mahdi Obdach geben sollte. Und so kommt, was kommen soll: Ihre Wege kreuzen sich – von nun an fast täglich. Es bleibt nicht beim Kontakt an der Essenstheke. Für eine kleine Gruppe von Flüchtlingen organisiert sie Klamotten, hilft bei Behördengängen oder gibt Deutschunterricht. Mahdi hat es ihr offenbar besonders angetan. Wie sehr, wird mir klar, als sie Ende November mit dem unerwarteten Vorschlag nach Hause kommt: "Sollen wir Mahdi nicht als Gastkind zu uns holen?"

Was meine Frau damals als Frage formulierte, war eigentlich gar keine Frage mehr. Ihr Entschluss stand fest. Dabei hätte es durchaus Gegenargumente gegeben: Warum uns das Ganze mit Mitte 50 noch einmal antun? Reicht es nicht, zwei Kinder halbwegs ordentlich erzogen zu haben? Das Rentnerdasein bereits in greifbarer Nähe war der Lebensabend doch irgendwie anders geplant? Gut, kein Babygeschrei mehr, aber das pubertäre Gehabe noch einmal freiwillig ertragen? Zu einer längeren Diskussion über diese Aspekte kommt es nicht, Mahdi zieht wenige Tage später bei uns ein. Schlagartig erschließt sich mir der tiefere Sinn der Redewendung "zu etwas kommen wie die Jungfrau zum Kind".  Dass dieses Kind nur ein Junge sein konnte, war ohnehin klar, denn schon nach der Geburt unseres zweiten Sohnes stand für meine Frau fest: "Wir können eben nur Jungs!"

Seit jenem 9. Dezember 2015 hat sich viel verändert. Mit dem schönen geräumigen Büro, das ich mir eingerichtet hatte, bin ich zugunsten Mahdis in eine kleine Kammer umgezogen. Statt Feierabend vor dem Fernseher beginnt gegen 18 Uhr die zweite Schicht: die Hausaufgabenbegleitung. Im Badezimmer gelten feste Belegzeiten. Ich habe gelernt, dass auch junge Afghanen ihre Zeit im Bad benötigen…

Aus dem Gast wird ein Pflegkind
Seit einem halben Jahr lebt Mahdi jetzt in unserer Familie. Mit der Erziehung der eigenen Kinder ist die Situation kaum vergleichbar: Als Mahdi kam, war er quasi erwachsen. Mit 16 hat er eine Lebenserfahrung, wie sie die allermeisten von uns nie haben werden. Und dennoch ist er "schwer pflegebedürftig": Sein Wechsel von der persischen in die westeuropäische Kultur ist gleichermaßen für ihn wie für uns eine Herausforderung. Mit seinem kulturbedingten Machogehabe stößt er auf heftige Widerstände, seinen muslimischen Glauben soll er behalten, solange er ihn für passend hält. Seine kulinarischen Vorlieben bereichern und verfremden unsere Mahlzeiten.

Aus dem "Gast" Mahdi ist inzwischen das Pflegekind Mahdi geworden, dank Empfehlung und tatkräftiger Mithilfe des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule. Ein altes Adoptionsverfahren, durch das wir bereits vor Jahren auf Herz und Nieren geprüft wurden, hat den amtlichen Eignungstest als Pflegeeltern erheblich beschleunigt. Überhaupt gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Kinder, Jugend und Schule, dem Vormund und den zuständigen Behörden unkompliziert: Alle Seiten sind unheimlich bemüht, der neuen Situation möglichst unbürokratisch zu begegnen und komplikationslose Lösungen zu finden. Mitarbeiter im öffentlichen Dienst erweisen sich angesichts der "Flüchtlingskrise" als durchaus mitfühlende Menschen – schließlich sind die Anforderungen für alle völlig neu.

Drei Monate musste Mahdi auf einen Platz in der Schule warten. Weil er kaum ein Wort Deutsch sprach, haben wir diese Zeit sehr intensiv mit "Privatunterricht" verbracht. Tagein, tagaus  auf engem Raum zusammen zu sein, fördert die Bindung. Inzwischen können wir uns den Alltag kaum noch ohne ihn vorstellen. Wir haben das Gefühl, mit ihm einen Glücksgriff gemacht zu haben: Er lernt gern, viel und schnell, ist neugierig, hilfsbereit und aufgeschlossen. Und er hat ein erstes klares Ziel vor Augen: einen guten Abschluss auf einer deutschen Schule zu erreichen. Gewisse "Eigenarten", wie etwa ein entspanntes Verhältnis zur Pünktlichkeit gibt es aber auch.

Familiäre Obhut eröffnet Perspektiven
Immer öfter und immer offener erzählt er von der Flucht und den Lebensumständen im Iran und in Afghanistan. Das eröffnet uns Einblicke in bisher unbekannte Welten und weckt großes Verständnis für den waghalsigen Schritt, zu dem er sich vor einigen Monaten entschlossen hatte. Bisher wussten wir etwa so gut wie nichts von der Minderheit der Hazara, der Mahdi angehört. Die schiitische Volksgruppe mongolischen Ursprungs wird in Afghanistan von den Taliban stark verfolgt. Alis Vater, ein Lehrer, hat es leidvoll am eigenen Leib erfahren müssen.

Wir glauben und hoffen, dass familiäre Obhut und Vertrauen, die er bei uns findet, wirkungsvolle Gegenmittel gegen die traumatischen Erinnerungen und die psychische Belastung sind, die sein vorerst unsicherer Aufenthaltsstatus verursacht. Denn Mahdis "Unterbringung" als Pflegekind in unserer Familie eröffnet ihm Chancen und Perspektiven. Zumindest können wir ihm den Rücken freihalten von vielen Alltagssorgen. So kann er sich auf die wirklich wichtigen Fragen der Integration konzentrieren, die Schule und die Sozialkontakte. Wir sind froh, mit dem Erziehungsauftrag als Pflegeeltern nicht allein gelassen zu werden und vor allem in Schule, Vormund und Jugendamt verlässliche Mitstreiter zu haben.

In gut einem Jahr wird Mahdi volljährig. Unsere Zeit als Pflegeeltern wird damit enden. Ob Mahdi dann auf eigenen Füßen stehen kann und will, wird die Zeit erweisen. So oder so, er wird über die Volljährigkeit weiterhin auf die Unterstützung seiner Ersatzeltern zählen können.

Aachen, im Juni 2016

 

Weitere Infos

Pflegekinderdienst der Stadt Aachen

Der Pflegekinderdienst der Stadt Aachen hat seinen Sitz in der Barbarastraße 1 in Aachen.
Telefon 0241 432-45 777
pflegekinder@
mail.aachen.de

Hier finden Sie die Ansprechpartnerinnen und Kontaktdaten des Pflegekinderdienstes.

Pflegekinderdienst des Sozialdienstes Katholischer Frauen

Internetseite des SKF

Hausaufgabenbetreuung, (c) Ingo Bartussek, Fotolia.com

Offene Sprechstunde des Pflegekinderdienstes Aachen

Offene Sprechstunde in der Barbarastraße 1 am Mittwochvormittag, 10 bis 12 Uhr