FLIP-Wiesen: Ein voller Erfolg für Alle – vor allem die Artenvielfalt
- FLIP-Wiesen: Ein typischer Wiesentyp für die Region sind die Glatthaferwiesen, eine mittlerweile gefährdete Pflanzengesellschaft, die auf verschiedenen Flächen wieder kultiviert wurde.
- Aufwertung von Flächen, mehr Artenvielfalt, wissenschaftliche Erkenntnisse, Bildung und Aufklärung: Diese unterschiedlichen Aspekte werden abgedeckt.
- Die Wiesen im öffentlichen Raum bleiben nach Abschluss des Projekts bestehen und werden vom Stadtbetrieb gepflegt, auch die Exkursionen für Schulen werden weitergeführt.
Flip, der nette und kluge Grashüpfer aus dem Kinderbuch „Biene Maja“ ist ganz sicher ein naheliegendes Bild, wenn man den Namen des Projekts FLIP hört. „Förderung der Lebensqualität für Insekten und Menschen durch perfekte Wiesenwelten“, so der komplette Titel und das Ziel des gemeinsamen Projekts der RWTH Aachen University, der Stadt Aachen und der StädteRegion Aachen, soll die biologische Vielfalt auf speziellen Flächen fördern. Dafür haben die FLIP-Partner intensiv genutzte Rasenflächen im innerstädtischen Bereich, Feldraine und landwirtschaftliche Flächen in der Stadt und Städteregion Aachen ökologisch aufgewertet, um dauerhaft artenreiche Wiesen zu etablieren. Das Projekt im Bundesprogramm „Biologische Vielfalt“ soll aber auch fundierte Beratung anbieten. Nach sechs Jahren geht das Projekt nun offiziell zu Ende. „Retten wir denn hier mit diesen Flächen die Biodiversität, bin ich schon gefragt worden. Ja, ein Stück weit schon“, ist Heiko Thomas, Beigeordneter der Stadt Aachen für Klima und Umwelt, Stadtbetrieb und Gebäude von FLIP und seiner Wirkung überzeugt: „Es ist ein Projekt, das zeigt, wie Biodiversität in der Stadt funktionieren kann.“
Über ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen – mehr als 1.000 Arten – kommen vorwiegend im Grünland vor. Von den in Deutschland gefährdeten Arten haben dort sogar rund 40 Prozent ihr Hauptvorkommen. Artenreiches Grünland gibt es hier allerdings immer seltener. Die Flächen schrumpfen durch intensive Nutzung, Düngung, Pestizideinsatz oder Flurbereinigung. „Diese Wiesen sterben in Deutschland“, weiß Prof. Dr. Martina Roß-Nickoll, Projektleiterin und -koordinatorin vom Institut für Umweltforschung, RWTH Aachen University. Mit der Vielfalt der Pflanzen auf Wiesen und Weiden schwinden auch Nahrungsgrundlage und Lebensraum für viele Insekten. Acht bis zehn Tierarten pro Pflanzenart, hauptsächlich Insekten, sind möglich. Weil manche Pflanzen und Insekten so spezialisiert und voneinander abhängig sind, kann das Verschwinden einer Pflanzenart direkt zum Aussterben einer Insektenart führen.
Heimische Glatthaferwiesen
Hier setzte FLIP an: Ein typischer Wiesentyp für die Region sind die Glatthaferwiesen, eine mittlerweile gefährdete Pflanzengesellschaft, die mit standortgerechten heimischen Pflanzen, Insekten, Spinnentieren anderen Kleintieren wie Schnecken, Bodenlebewesen, aber auch Vögeln und Säugetieren einen wertvollen Lebensraum bietet. Diese Wiesen wurden beispielhaft in und rund um die Stadt Aachen dauerhaft wiederbelebt und damit wieder mehr Lebensraum für Pflanzen und Tiere geschaffen. Mit den Wiesen wurde im Projekt eine Verbindung der Stadt mit der umliegenden Landschaft geschaffen und so für eine Lebensraum-Vernetzung gesorgt, die für den Erhalt der biologischen Vielfalt wichtig ist. Und: „Diese Wiesen haben eine hohe Klimawirksamkeit. Sie binden CO2, speichern Wasser und tragen nachts zur Abkühlung bei“, so Prof. Dr. Roß-Nickoll.
FLIP zeigt, wie man städtische Grünflächen, aber auch Flächen von Privatgrundstücken, Schulen, Kirchen, Kitas und Firmen ökologisch sinnvoll und standortgerecht aufwerten kann. Der Eingriff und die dauerhafte Pflege dieser Flächen sollen sich auf Grundlage der Projekterfahrungen auf ein Minimum beschränken und damit auch nach Projektende weiter von den Flächeneigentümerinnen und -eigentümern ohne großen zeitlichen und finanziellen Aufwand möglich sein. Anika Au, Projektmanagement FLIP bei der Stadt Aachen im Fachbereich Klima und Umwelt, ist nach wie vor begeistert über das Engagement und der Begeisterung der Bürgerinnen und Bürger: „Umso mehr die Menschen über diese Wiesen wissen, umso mehr akzeptieren sie diese Flächen. Über 50 Menschen haben auf privaten Flächen diese FLIP-Wiesen gesät.“
Die Aufwertung der Flächen orientiert sich an historischen Nutzungskonzepten zur extensiven Heugewinnung auf Wiesen. Das Konzept sollte am Ende auf andere mittelgroße Städte – entsprechend regionalspezifisch angepasst – übertragbar sein. Erklärtes Ziel: Nicht nur mehr bunte Blumenwiesen, sondern die Rückkehr zu einer stabilen, naturraumtypischen und standortgerechten Wiesenvegetation mit einheimischen Arten.
Zahlen und Daten zu den Wiesenflächen
Die Zahlen und Daten zu den angelegten Wiesenflächen lesen sich beeindruckend: Stadtbetrieb und Landwirte haben rund 17 Hektar kommunale und landwirtschaftliche Wiesen angelegt. Insgesamt 96 Einzelflächen mit Größe von gut 100 Quadratmetern bis 2,8 Hektar am Gut Hasselholz. 500 Kilogramm Saatgut, 313 Tonnen Sand und 46 Tonnen Kalkstein-Splitt wurden ausgebracht. Zusätzlich wurden durch die Stadt Aachen fast 72 Kilogramm eigenes Saatgut an Privatleute, Kitas und Schulen verteilt, was zu noch einmal zu insgesamt 4,2 Hektar Wiesen geführt hat. Und 5.500 Saatguttütchen wurden ebenfalls kostenlos verteilt.
Wiesenpflege und Mahd – gewusst wie
Je nach Standort brauchen verschiedene Wiesenarten eine unterschiedliche Pflege und Mahd. Um artenreiche Wiesen wie die Glatthaferwiese zu erhalten, spielen grundsätzlich eine extensive Nutzung, zwei- bis maximal dreimalige Mahd im Jahr, aber auch insektenfreundliche Mähtechniken eine wesentliche Rolle. Da viele Wiesen im städtischen Bereich sehr nährstoffreich sind und eine hohe Biomasse aufweisen, ist es wichtig, das Mahdgut von der Fläche zu nehmen, also nicht zu mulchen. In der Vergangenheit wurden Wiesen insektenschonender ohne hochtechnisiertes Gerät geschnitten und wurden partiell und im Wechsel bewirtschaftet. Ein ähnlicher Effekt entsteht mit der „Mosaikmahd“, bei der nur Teile der Wiese gemäht werden. Eine Wiese besteht dann aus frisch gemähten, blühenden und verblühten Bereichen. Für die Tierwelt gibt es damit immer ein Nahrungsangebot und einen Lebensraum zum Verstecken, Vermehren und Überwintern. „Das Projekt hat uns ermöglicht, unseren Fuhrpark danach auszurichten“, erläutert Michael Blankenheim, Projektkoordination und -umsetzung im Aachener Stadtbetrieb: „Wir fragen uns, müssen wir überhaupt überall normalen Scherrasen versähen?“
Wissenschaftliche Begleitung und Umweltbildung
Mit dem Institut für Umweltforschung der RWTH als einem der drei Partner stand natürlich die wissenschaftliche Begleitung des Projekts ganz oben auf der Agenda: Ein ökologisches Monitoring untersuchte verschiedene die Tiergruppen Laufkäfer, Spinnen, Schwebfliegen, Bienen, Hummeln und prüfte so den ökologischen Erfolg der Wiesenumwandlung. Erhoben wurden auch das Interesse und Informationsbedürfnis der Bevölkerung zu Wiesenvielfalt, Insekten und Insektenschutz. In der wissenschaftlichen Lehre zog das Projekt an zwei Lehrstühlen der RWTH insgesamt sechs Lehrveranstaltungen mit 40 Abschlussarbeiten von Studierenden nach sich.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projekts war, über Insekten und die Vielfalt von Wiesen aufzuklären und dafür zu begeistern, das Bewusstsein für dieses Ökosystem und seine wichtigen ökologischen Leistungen zu fördern. Umfassende Bildungs- und Öffentlichkeitsmaßnahmen auf regionaler und überregionaler Ebene sollten langfristig die Wertschätzung für die biologische Vielfalt fördern. Die Projektpartner entwickelten gemeinsam Bildungsangebote: Exkursionen an außerschulischen Lernorten, Lernmaterial für Schulen und Fortbildungen für relevante Multiplikatoren wie Erzieherinnen und Erziehern, Pädagoginnen und Pädagogen, Vorträge und Workshops für Bürgerinnen und Bürger aber auch die Landwirtschaft. Allein die Wiesen-Exkursionen des städteregionalen Bildungsbüros für über 220 Schulklassen erreichten rund 5.200 Kinder. Linda Jo Siemon, Projektmanagement FLIP im Bildungsbüro der StädteRegion Aachen über das Lernmaterial und die Exkursionen für Schulen: „Das Thema Artenvielfalt wird dort kindgerecht erklärt und erlebbar gemacht.“ Siemon weiß: „Es gab sogar Kinder, die hatten zunächst regelrecht Angst vor den Wiesen und den Tieren.“ Mittlerweile würde das Material auch bis zur Klasse 6 genutzt und nicht nur in den Grundschulen.
Was bleibt?
Nach nun über sechs Jahren kommt das Projekt zum Abschluss – jedoch nicht komplett. Neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen, Publikationen und Berichten bleiben in erster Linie die ökologisch wertvollen und in der Stadt auch klimawirksamen Wiesen mit ihren neu angesiedelten Pflanzen- und Tierarten bestehen, die im öffentlichen Raum weiter fachgerecht durch den Aachener Stadtbetrieb gepflegt werden.
Als ganz wichtiger Aspekt werden die FLIP-Wiesenexkursionen für Grundschulen weiter im Angebot des Bildungsbüros der StädteRegion buchbar sein (www.staedteregion-aachen.de/bildungsbuero). Hier findet sich auch Unterrichtsmaterial als Download. Die Aachener Stiftung Kathy Beys übernimmt ab 2026 die Förderung dieses Bildungsangebots. Aber auch das zeigt den nachhaltigen Erfolg von FLIP: „Für 2026 sind bereits alle Exkursionstermine ausgebucht“, so Siemon aus dem Bildungsbüro. Aber für 2027 könne man sich wieder anmelden.
Weiter Infos: www.flip-wiesen.de
Förderung
Das FLIP-Projekt wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
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