Zwischenbilanz der archäologischen Grabungen am Münsterplatz: Außergewöhnliche Zeugnisse der Stadtgeschichte
- Archäologische Grabungen auf dem Münsterplatz bringen bedeutsame Funde der Aachener Stadtgeschichte ans Licht.
- Ein Pilgergrab, eine mutmaßliche Zwillingsbestattung und zahlreiche weitere Gräber eröffnen neue Einblicke in die Vergangenheit rund um den Dom.
- Die Grabungen finden in zwei Baumscheiben statt, die danach wieder mit zwei Linden bepflanzt werden.
„Aachen ist eine Stadt, die stolz ist auf ihr historisches Erbe. Dieses zu bewahren, heißt, es zu erkunden. Archäologische Arbeiten wie hier prominent am Münsterplatz machen unsere Geschichte auch für die Bürgerinnen und Bürger greifbar“, hob Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons bei der Vorstellung der Zwischenergebnisse der archäologischen Grabungen nahe dem Dom hervor.
Seltene Grabungsgelegenheit auf dem Münsterplatz
Seit Ende Februar arbeiten sich Stadtarchäologe Andreas Schaub und ehrenamtliche Hilfskräfte des Archäologischen Arbeitskreises (AAA) in Handarbeit Schicht für Schicht durch zwei Baumscheiben. Die beiden zuvor dort gepflanzten Linden waren 2023 einem Sturm zum Opfer gefallen. Nach Abschluss der archäologischen Arbeiten werden erneut zwei Linden in die Baumscheiben gepflanzt. Da die Baumscheiben zunächst präpariert werden müssen, bot sich eine seltene Gelegenheit für die Archäologinnen und Archäologen: Gebaut wird am Münsterplatz nur selten. Jeder Bodeneingriff an diesem historischen Ort wird archäologisch betreut und ermöglicht interessante Funde.
Mittelalterlicher Friedhof mit außergewöhnlichen Bestattungen
Die Ergebnisse aus der ersten Baumscheibe gewähren einen Einblick in längst vergangene Zeiten: In erster Linie wurden umfangreiche Reste des mittelalterlichen Friedhofs entdeckt, dem Münsterkirchhof. Er ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Die ältesten Gräber, die das archäologische Team nun gefunden hat, reichen jedoch mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der Friedhof wurde bis in die napoleonische Zeit genutzt, ehe Friedhöfe aus hygienischen Gründen aus den Innenstädten verlagert wurden.
Insgesamt konnten die Archäologinnen und Archäologen etwa 45 Bestattungen auf vier Quadratmetern identifizieren – eine enorm dichte Belegung. Besonders hervorzuheben ist das Skelett eines Pilgers, dem drei Jakobsmuscheln aus Santiago in den Sarg gelegt wurden. Darüber hinaus enthielt eine Grabgrube mehrere Personen – ein Indiz dafür, dass dort im 16. Jahrhundert Opfer einer Epidemie begraben wurden. Auch ein Schädel mit einem absichtlich zugefügten Loch zählt zu den bemerkenswerten Funden.
Kollegiale Zusammenarbeit bei zwei besonders zerbrechlichen Funden
In der zweiten Baumscheibe haben Schaub und seine ehrenamtlichen Hilfskräfte ganz aktuell zwei Säuglingsskelette freigelegt. Die Bestattung im selben Grab sowie das offensichtlich gleiche Alter der Skelette deuten auf einen möglichen Zwillingsfund hin. Stadtarchäologe Schaub erklärte: „Das sind Funde, die auch uns Expertinnen und Experten bewegen und die Schicksale der damaligen Bevölkerung offenbaren. Da die Knochen so filigran waren, haben wir direkt unsere Kolleginnen und Kollegen vom LVR-Landesmuseum Bonn informiert.“ Unmittelbar reisten nicht nur Restauratorinnen vom Museum, sondern auch Anthropologinnen und Anthropologen von der Universität Bonn nach Aachen, untersuchten die Skelette und legten sie mit größter Vorsicht frei. Dabei staunten sie über die gut erhaltenen Aachener Funde. Es gelang sogar, die kleinsten menschlichen Knochen, die Steigbügelknochen im Ohr, zu bergen. „Diese Knochen sind kleiner als ein Reiskorn“, veranschaulichte Schaub.
Im Süden war der Friedhof durch eine Mauer begrenzt, die zugleich den Rechtsbezirk der Münsterimmunität markiert. Das Team um Andreas Schaub konnte diese Mauer wie erhofft nachweisen. Sie liegt vermutlich direkt über einer Mauer der römischen Thermen. Von diesen fanden sich verlagerte Teile der einst reichen Innenausstattung wie Mosaiksteine oder Marmorplättchen. Einige verlagerte Scherben des frühen Mittelalters belegen die durchgehende Besiedlung des Münsterplatzes seit römischer Zeit.
Wissenschaftliche Auswertung der Funde
Das archäologische Team birgt die Funde, dokumentiert und inventarisiert sie. Ein Mediziner, der derzeit an seiner Doktorarbeit zu den Funden auf dem Münsterplatz arbeitet, wird die Knochen anthropologisch untersuchen und wissenschaftlich auswerten. Nach Abschluss dieser Untersuchungen werden die Aachener Funde im Depot des LVR-Landesmuseums in Meckenheim aufbewahrt.
Die Grabungen an diesem stark frequentierten Platz zogen in den vergangenen Monaten die Aufmerksamkeit unzähliger Passantinnen und Passanten auf sich. Kein Wunder, waren doch die Skelette mit dem bloßen Auge in den Pflanzgruben zu entdecken. Die Archäologinnen und Archäologen beantworteten die Fragen von Klein und Groß mit viel Geduld. Damit die Arbeiten aber dadurch nicht beeinträchtigt wurden, gestaltete der städtische Fachbereich Kommunikation und Stadtmarketing kurzerhand Plakate, die die Grabungen erläuterten.
Neue Linden nach Abschluss der Grabungen
Sven Rachau vom Bereich Grünplanung und -bau des Fachbereichs Klima und Umwelt erläuterte das weitere Vorgehen mit den zwei Baumscheiben: „Sobald die archäologischen Arbeiten an der vorderen Pflanzgrube beendet sind, werden wir diese auffüllen und mit Unterstützung des Stadtbetriebs mit einem bunten Flor bepflanzen. So können wir die Baustellenfläche auf dem Münsterplatz schnellstmöglich verkleinern.“ Voraussichtlich ab der nächsten Pflanzperiode im September werden die Archäologinnen und Archäologen auch die zweite Grube freigegeben haben. Dann werden wieder zwei Linden in die Baumscheiben eingesetzt und damit das Lindenensemble auf dem Münsterplatz wiederhergestellt.
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