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Die Erfindung der Neuen Wilden

Um 1980 experimentierten sie mit kühnen Texten, Fotografie, Mode, Performance, Film, Musik – und riesigen Leinwänden. Ihre Themen und Motive fanden sie in den Subkulturen der Großstädte, in der Punk- und New Wave-Bewegung oder der Homosexuellenszene. Museen und Sammler rissen sich vor allem um die Malerei der sogenannten Neuen Wilden. Als sich dieses Gruppenlabel in den Medien trotz der Unterschiede zwischen den lokalen Szenen zusehends etablierte, verfolgten viele ihrer Protagonisten bereits individuelle Karrieren.

Heute gelten die Neuen Wilden als eine der letzten großen künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Erfolgsgeschichte einer jungen deutschen Künstlergeneration, deren Bilder  international als Wiederbelebung der figurativen Malerei gefeiert wurden, ist zum kunsthistorischen Mythos geworden. Oft übersehen wird dabei, dass der Begriff „Neue Wilde“ von Wolfgang Becker im Zuge einer Ausstellung 1980 in der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig in Aachen geprägt wurde. Die Ausstellung ist somit zugleich eine Art Rückkehr der Neuen Wilden an den Ort ihrer Erfindung.

Berlin – Hamburg – Köln
Was später als kohärente Malereibewegung wahrgenommen wurde, begann als loser Zusammenschluss von KünstlerInnen in verschiedenen Zentren. Getragen von der punkigen Do-It-Yourself-Mentalität der Zeit, gründeten unter anderem Salomé, Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer 1977 wenige Meter von der Berliner Mauer entfernt die Galerie am Moritzplatz als „Selbsthilfegalerie“. Die Fabriketage war das perfekte  Experimentierfeld junger KünstlerInnen, darunter auch des Fotografen Rolf von Bergmann, der Malerin G. L. Gabriel und der Performancekünstlerin Anne Jud. Wenngleich die Galerie schnell als neuer Ort für zeitgenössische Malerei bekannt wurde, entstanden dort neben den metergroßen Leinwänden in expressiven Farben auch Super-8-Filme, Performances und Fotoserien, die teilweise eng verknüpft waren mit der Queer- und Homosexuellen-Szene Berlins.

In unmittelbarer Nachbarschaft veranstaltete die Modedesignerin Claudia Skoda avantgardistische Events, die Konzert, Kunstaktion und Modeschau in einem waren. Moritzplatz-Künstler wie Salomé und Luciano Castelli, die zusammen in der Band Geile Tiere spielten, arbeiteten ebenso mit Skoda zusammen wie Martin Kippenberger. Frisch von Hamburg nach Berlin gezogen, versuchte Kippenberger sich in sämtlichen künstlerischen Medien, brachte unermüdlich Drucksachen in Umlauf, spielte in der Band LUXUS und saß abends hinter der Kasse des Underground-Clubs SO36, für das er als Teilhaber Konzerte, Ausstellungen und Aktionen organisierte. In seinem Berliner Projektraum Kippenbergers Büro initiierte er 1979 mit der Gruppenschau 1. Außergewöhnliche Veranstaltung in Bild und Klang zum Thema der Zeit: Elend eine Ausstellungstrilogie, die von dort aus weiter nach Hamburg und Düsseldorf tourte. Die teilnehmenden KünstlerInnen, darunter Ina Barfuss, Walter Dahn, Uwe Gabriel, Georg Herold,
Christa Näher, Brigitta Rohrbach und Hilka Nordhausen, verband neben oftmals freundschaftlichen Beziehungen auch die Affinität zur Musik. Als die Ausstellung Station in Düsseldorf machte, standen beim Eröffnungskonzert im Ratinger Hof einzelne Künstler selbst als Musiker auf der Bühne. Martin Kippenberger, Markus Oehlen, Werner Büttner und Albert Oehlen stellten bei den drei Ausstellungen erstmals zusammen aus, wobei die beiden letzteren schon vorher in Hamburg eng zusammen gearbeitet hatten.

In Hamburg betrieb zur selben Zeit die Künstlerin Hilka Nordhausen die Buch Handlung Welt, in der nicht nur Lesungen und Diskussionen, sondern auch Film- und Diashows stattfanden. Eine Wand des Ladens wurde regelmäßig von KünstlerInnen bespielt, so zum Beispiel von Bettina Semmer oder Bettina Sefkow. Und auch Werner Büttner, Albert Oehlen, Martin Kippenberger und Markus Oehlen realisierten hier erste, frühe Wandarbeiten. Später brachte diesen Vieren ihre Zusammenarbeit mit der Galerie Max Hetzler den Spitznamen Hetzler-Boys ein. In unterschiedlichen Formationen waren sie Teil diverser Bands, produzierten Künstlerbücher oder schrieben Texte, die zum Beispiel in den Musikzeitschriften Sounds und Spex erschienen.

Die Spex wurde 1980 in Köln unter anderem von Peter Bömmels gegründet, der sich im gleichen Jahr mit Künstlern wie Hans-Peter Adamski, Walter Dahn und Georg Jiří Dokoupil zu der Kölner Ateliergemeinschaft Mülheimer Freiheit zusammenschloss. Obwohl sie alle auch malten, hing in ihren ersten Gemeinschaftsausstellungen keine einzige Leinwand. Ihre Pinselstriche zogen sich stattdessen über Wände, Böden und Decken, darüber hinaus gab es Collagen, Papierrisse und Objekte zu sehen. Diese ortsspezifische und installative Herangehensweise sollte das
Charakteristikum der weiteren Gruppenausstellungen der Maler werden. Als etwa der Kunstverein Wilhelmshaven die Gruppe im darauf folgenden Jahr einlud, machte sie sich ohne Kunstwerke auf den Weg, um sich vor Ort  auszudenken, was man mit dem Ausstellungsraum anfangen könnte.

Die Neuen Wilden in Aachen
Die bis heute gebräuchliche Bezeichnung Neue Wilde wurde in Aachen geboren, im Zuge einer Ausstellung, die 1980 in der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig stattfand, dem späteren Ludwig Forum für Internationale Kunst. Der damalige Museumsdirektor Wolfgang Becker gestaltete ein vielfältiges Ausstellungsprogramm, das ausgehend von den Sammlungsaktivitäten Peter und Irene Ludwigs den aktuellsten künstlerischen Strömungen nachspürte. Die Schau Les Nouveaux Fauves – Die Neuen Wilden war der Versuch Beckers, verschiedene Künstlergruppen zusammenzufassen, die auf unterschiedliche Weise Bezüge zu den historischen Fauves der französischen Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufwiesen. Als deutscher Beitrag wurden Künstler wie Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und A.R. Penck gezeigt. Keiner von ihnen war Teil der Bewegung, die später als Neue Wilde bezeichnet wurde. Der Titel der Ausstellung zielte offenbar auf etwas anderes ab. Trotzdem verfing der griffige Terminus sofort und wurde sowohl in der Fachliteratur als auch in den allgemeinen Medien ab 1980 als feststehender
Begriff gebräuchlich.

Markt und Medien
Während die Fachpresse noch darüber stritt, wie die ungestüme junge Kunst zu bewerten sei, hatten die Illustrierten und das Fernsehen längst erkannt, wie gut sich die skandalträchtigen Künstler als Gruppe inszenieren ließen. Auch einflussreiche Galeristen ließen sich von ihrer anarchischen Energie mitreißen, etwa der Kölner Paul Maenz, dessen Galerieprogramm eigentlich für Minimal Art und Konzeptkunst bekannt war. Seine Zusammenarbeit mit der Mülheimer Freiheit stand für einen Gesinnungswechsel, der damals die Kunstwelt erfasste: Die figurative Malerei war
stärker denn je wieder in den Galerien und Ausstellungshäusern angekommen und erfasste von Deutschland aus sogar die Kunstszene in New York. Vielleicht war es auch den Gesetzen des Kunsthandels und des institutionellen Ausstellungswesens geschuldet, dass die Werke mit zunehmendem Erfolg immer häufiger auf Leinwand entstanden, statt direkt auf der Wand. Auch das Arbeiten mit Fotografie, Film und Performance trat gegenüber der Tafelmalerei immer weiter in den Hintergrund.

Peter und Irene Ludwig als Sammler
In vielerlei Hinsicht spiegelt die Sammeltätigkeit von Peter und Irene Ludwig die Erfolgsgeschichte der Neuen Wilden wider. Als Großsammler mit Blick auf die neuesten Strömungen der Kunstszene konnten sie die expressiven KünstlerInnen nicht ignorieren. Auch wenn sie die Kunst aus dem Umfeld des Moritzplatzes, der Galerie Max Hetzler und der Mühlheimer Freiheit nicht systematisch als Sammlungsschwerpunkt ausbauten, erwarben Peter und Irene Ludwig punktuell Werke von fast jedem der damaligen Protagonisten. Als sie Bilder von Rainer Fetting in einer New Yorker Galerie entdeckten, muss den Ludwigs das wie ein Gütesiegel ihrer Qualität vorgekommen sein und sie brachten sie als „Re-Import“ nach Deutschland. Nur wenige der jungen Künstler fehlen in der Sammlung.

Umso auffälliger ist, dass keine einzige Künstlerin vertreten ist. Diese Lücke scheint systemimmanent begründet zu sein: Die großen Galerien, in denen Ludwig kaufte, hatten kaum Frauen im Programm. Beim Sprung von den selbstorganisierten Gruppenausstellungen in die kommerziellen Galerien waren die Männer unter sich geblieben, Sammler und Ausstellungsmacher übernahmen diese Auswahl und schrieben die Geschichte der Neuen Wilden als Männergruppe fort.

Der Gemäldeteil der Ausstellung zeigt die großformatigen Leinwandarbeiten der Sammlung Ludwig. Viele von ihnen waren lange Zeit nicht öffentlich zu sehen, wie etwa eine spektakuläre Gemeinschaftsarbeit von Salomé und Luciano Castelli, gemalt auf fast 40 Quadratmetern Leinwand. Der Malerei werden zahlreiche Werke und Dokumente verschiedenster Medien aus der experimentellen Frühzeit der KünstlerInnen und ihrem Umfeld gegenübergestellt. Sie führen vor Augen, wie divers die Quellen waren, aus denen die Werke ihren Witz und ihre überbordende
Energie bezogen.

Kuratiert von Benjamin Dodenhoff und Ramona Heinlein

Die Erfindung der Neuen Wilden. Malerei und Subkultur um 1980
Eine Ausstellung im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen
Laufzeit: 12. Oktober 2018 – 10. März 2019
Eröffnung: Donnerstag, 11. Oktober 2018, 19 Uhr

Herausgegeben am 10.10.2018 von:

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Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
52062 Aachen
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