Jack, heute 82 Jahre alt, sieht es als seine Aufgabe an, einerseits den Toten – auch und gerade seiner Familie - ein Erinnern zu bereiten und andererseits mit seiner Biographie zu zeigen, dass es nicht für so viele, viele Menschen im Chaos hätte enden müssen, wären da doch nur genügend Menschen gewesen, die geholfen hätten. Denn Hilfe war möglich, wie sein Leben zeigt.
Als der kleine Jack zwei Monate alt war, werden sein Vater und seine beiden Brüder 1943 von Amsterdam aus über Westerborg in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermor¬det. Wenig später wird seine Mutter ebenfalls aufgegriffen und nach Auschwitz gebracht. Nach¬barn, die im Widerstand gegen Nazis engagiert sind, nehmen das Baby und die ältere Schwes¬ter auf und reichen sie weiter zu einer Gruppe, die verzweifelt versucht, jüdische Kinder dadurch zu retten, dass sie sie an christliche Familien weitergeben, die sie dann als ihre Kinder ausgeben. Blonde Kinder, so Jack, wurden dabei in Familien im Norden der Niederlande untergebracht, dunkelhaarige Kinder kamen nach Süd-Limburg. So kommen Jack und seine Schwester Fanny mit ca. 250 anderen Kindern nach Brunssum. Erst als Erwachsener macht er sich auf die Suche nach seiner Familie und seiner Geschichte. Fanny jedoch, sieben Jahre älter als ihr Bruder, kann und will über ihre Erinnerungen nicht sprechen. Jack Aldewereld erfährt die bittere Wahrheit über die Ermordung seiner Familie dadurch, dass er mit den Menschen an Orten, an denen seine Familie gelebt hat, ins Gespräch kommt. Weil sie sich erinnern, lernt Jack seine jüdische Identität kennen und arbeitet fortan im Kampf gegen Aus¬grenzung und für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen. Seitdem erzählt er seine Geschichte.
Die Schüler*innen in der bis auf den letzten Platz gefüllten Bibliothek hörten gebannt und berührt zu, als Jack am Beispiel seiner Lebensgeschichte für Toleranz und menschliches Mit¬einander warb. Sie hatten im Anschluss viele Fragen, sowohl zu seiner Lebensgeschichte als auch zur Relevanz des Themas im Jahr 2026. „Was würden Sie einem Neonazi sagen?“, wollte ein Schüler wissen. „Besucht Auschwitz. Seht, was war, dann würde das nicht passieren.“ Ob er selbst Auschwitz besucht habe? „Nein, ich denke, für mich wäre das nicht gut. Ich glaube, ich hätte nicht den Mut. Meine Mutter ist dort gestorben.“
Viele Schüler*innen bewegt auch die Frage, ob Jack befürchtet, dass die Geschichte sich mit Blick auf den Krieg in Gaza wiederholt. „Politisch kann ich das nicht beurteilen, ich lebe in den Niederlanden“, so Jack. „Doch menschlich kann ich sagen: Eine Mutter in Gaza weint um ihr Kind genauso wie eine Mutter in Israel. Und es ist immer so: ein Krieg hat niemals einen Gewinner.“
Begleitet wurde Jack von seiner Frau Ina und dem stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Brunssum, Hugo Janssen, der Schüler*innen und Lehrkräfte zu einem Erinnerungs¬spaziergang in seine Stadt einlädt. Brunssum hat es ich zur Aufgabe gemacht, die Orte, an denen über 200 Kinder jüdischer Familien überleben konnten, zu erhalten, um die Kraft von Mut und Menschlichkeit auch für zukünftige Generationen lebendig zu halten und erlebbar zu machen. Die HHG nimmt die Einladung zu einem Rundgang gerne an.
Seit 2012 gedenkt die Heinrich-Heine-Gesamtschule jedes Jahr am 27. Januar den Opfern der Shoa. Mit besonderen Aktivitäten in allen Jahrgängen setzen sich Schüler*innen und Lehr¬kräfte mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten auseinander und vergegenwärtigen sich ihrer individuellen Verantwortung für Menschlichkeit, Toleranz, Aufrichtigkeit und Mut. In Zeiten, in denen Antisemitismus und Antiislamismus zunehmen, Kriege Hass schüren, Menschen unter den Machtambitionen ihrer Staatsführer leiden, Kinder zwischen den Fronten sterben, hält die Laurensberger Gesamtschule es für eine ihrer wichtigsten Aufgaben, jungen Menschen aufzuzeigen, wie gefährlich Intoleranz, Rassismus und Demokratieverdrossenheit sind, wenn sie ungehin¬dert gedeihen. Eine bewusste Auseinandersetzung mit dieser Geschichte stärkt Kompetenzen wie Empathie, Zivilcourage und kritisches Denken, damit Schüler*innen Verant¬wortung übernehmen und menschenrechtsorientierte Entscheidungen treffen können. Durch konkrete Geschichten und Zeugnisse wie die von Jack Aldewereld wird Geschichte greifbar, verhindert das Verdrängen schmerzlicher Wahrheiten und zeigt die individuellen Folgen von Hass, Gewalt und Vernachlässigung der Rechtsstaatlichkeit.
