Aachener Hütten Aktien-Verein Rothe Erde.
Einblicke in ein Stahlwerk um 1903

Aachen hatte die Nase vorn: Zentrum der deutschen Frühindustrialisierung

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen. Aachen war einmal ein bedeutendes Zentrum der deutschen Frühindustrialisierung. Hier verfügte man bereits über eine aufblühende und vielseitige Industrielandschaft, als man im Ruhrgebiet gerade erst anfing, mit den neuen Wirtschaftsformen zu experimentieren. Auf der Grundlage natürlicher Standortvorteile wie Bodenschätze und Gewässerreichtum, sowie mit der tatkräftigen Unterstützung französischer, wallonischer und englischer Ingeni­eure und Investoren, entstand hier u.a. der Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde. Gegründet 1845/1846 entwickelte er sich schnell zum Zentrum eines Konzerns mit Hochöfen, Stahlwerken, Zechen und verarbeitenden Be­trieben in Aachen, Eschweiler, Düsseldorf, Luxemburg und Lothringen. Bedeutende tech­nische und wirtschaftliche Impulse gingen von hier aus. Gemein­sam mit den Stahlbaronen im Ruhrgebiet bestimmten die hiesigen Aufsichtsratvorsitzenden auch über Preise, Einfuhrquoten und Produktionsmengen. Wenn es sein mußte, reichte ihr Einfluss bis nach Berlin.

Mehr als eine Zweckgemeinschaft: Das Werk und seine Arbeiter

Als bedeutendster Arbeitgeber sicherte die Hütte rund tausend Familien eine bescheidene Existenz. Eine Existenz, die man allerdings nicht geschenkt bekam. Mehrfach erschütterten Streiks das Werk und seine unmittelbare Umgebung. Arbeiter solidarisierten sich, traten Gewerkschaf­ten bei und kämpften für höhere Löhne und mehr ­Rechte.
Und noch über die endgültige Schließung im Jahr 1926 hinaus prägte das Werk die Gesellschaft. Nämlich mit Massenarbeitslosigkeit und der Verarmung ganzer Gemeinden und Stadtteile. Später siedelten sich neue Unternehmen an. Doch Rothe Erde blieb, was es war. Eine Region, deren Entwicklung engstens mit dem Erfolg oder Misserfolg der ansässigen Industrie verknüpft ist.

Photographien als Zeitzeugen aus vergangenen Tagen

Im Stadtarchiv Aachen befindet sich eine Sammlung von über hundert Werksaufnahmen des Aachener Hütten-Aktien-Vereins aus der Zeit um 1903. Ursprünglich zu Repräsentations- und Dokumentationszwecken im Auftrag einer stolzen Hüttenleitung angefertigt, bildet sie heute einen Höhepunkt der deutschen In­dustriephotographie.
Die Photographien zeigen das Werk auf dem Gipfel seiner technischen und wirtschaftlichen Entwick­lung vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Noch ganz im Zeitgeist des Wilhelminismus’ stehen vor allem Maschinen im Mittelpunkt des Ge­schehens. Metaphern einer kraftstrotzenden, sich aber auch zunehmend selbstüberschätzenden Gesell­schaft.

Wenn wir heute von den vermeintlich olympischen Höhen un­serer postindustriellen ‘Wissens- und Informationsgesellschaft’ auf die mal archaisch, mal monumental anmutende Technik der Jahrhundertwende zurückblicken, so sollten wir jedoch nicht vergessenen, daß der Fortschritt auch jenen anonymen Menschen zu verdanken ist, die hier ohne Urlaubsanspruch bei nur geringen sozialen Absicherungen zwölf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche arbeiteten. Ganz einfach, weil es nichts anderes gab.

Quellen:

Michael Käding (2004): Rot(h)e Erden.
www.histech.org/00009_00029_rot_h_e_erden.htm
Paul Emunds (1989): Rauchfahnen, Streikfahnen, Staubfahnen.
Heimatverein Eilendorf 1983 e.V. Band 2. Aachen-Eilendorf.




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