Badegeschichte
Man stelle sich vor: Beim gemeinsamen Bad beratschlagen die Mitglieder des Karlspreis-Direktoriums über die Kandidaten für das kommende Jahr. Eingehüllt in heiße Dämpfe diskutieren die Herren des Aachener Karnevalsvereins (AKV) über potentielle Träger des Ordens wider den tierischen Ernst. Und im Caldarium versucht das Präsidium des Aachen-Laurensberger Rennvereins, mit kühlem Kopf die Planung für das nächste Weltfest des Pferdesports in Angriff zu nehmen. Eine kuriose Vorstellung? In römischen Zeiten, ja noch vor ein paar hundert Jahren hätte niemand bei dieser Vorstellung irgendeinen Grund zur Irritation gesehen. Denn seit der Antike hatten die Wonnen des Badens - kulinarischen Freuden vergleichbar - eine hochgeschätzte soziale Funktion, weil sie das Nützliche ideal mit dem Angenehmen verbanden. Erst im 20. Jahrhundert sind das Bad als Ort der öffentlichen Begegnung und das gemeinsame Baden als kommunikativer Rahmen für Geschäfts- und sonstige offizielle oder gesellige Termine aus der Mode gekommen. Baden heute ist meist Sport oder Medizin - Kampf mit den Pfunden oder gegen die Uhr, Kampf um Fitness, körperlichen Ausgleich, gesundheitliche Rehabilitation.
In Aachen allerdings wurde die fast zweitausendjährige Bade-Tradition der Stadt mit neuem Leben erfüllt, wurde mit den Carolus-Thermen eine neue - alte - Kultur des Badens begründet: "Wellness" und "Fun", wohltuende Entspannung und gesellige Kommunikation werden hier zu einem außergewöhnlichen ganzheitlichen Erlebnis, das sich des - heißen - Wassers als fundamentalem Lebenselixier bedient.
"Aquae granni" - oder: Zurück zu den Quellen
Nomen est omen: Dass das Wasser sich als roter, oder richtiger vielleicht: blauer Faden durch die Geschichte der Stadt zieht, ist im Namen bereits vorgegeben. Denn Aachen heißt Wasser, leitet sich her aus dem römischen Namen "Aquae granni", der wiederum auf den keltischen Heilsgott Grannus zurückverweist.
Naheliegend also, wenn auch wissenschaftlich noch nicht exakt dokumentiert, dass bereits die Kelten in der eher unwirtlich-sumpfigen Gegend des Aachener Kessels die zwischen 45°C und 75°C heißen Quellen entdeckten und zum eigenen Wohle nutzten. Umfangreich belegt ist dagegen der schon kurz nach unserer Zeitrechnung einsetzende Bade- und Kurbetrieb der römischen Legionäre in den beiden zu "Aquae granni" gehörenden Thermenanlagen. Es wird, so dürfen wir vermuten, ein munteres Treiben gewesen sein, denn die Römer pflegten eine intensive Badekultur - und die großzügig angelegten Räumlichkeiten mit ihrem Komfort und ihrer gehobenen technischen und innenarchitektonischen Ausstattung boten Platz für gesellige Wasserwonnen und Lustbarkeiten aller Art. Medizinische Prophylaxe oder Therapeutik standen dabei keineswegs allein im Vordergrund. Das Bad war vor allem auch ein Treffpunkt, um sich zu vergnügen, zu unterhalten und auf höchst angenehme Art dem Müßiggang zu frönen...
"Offt, vil und mit sonderem Lust, hat er die warmen Wasser geliebt".
Karl der Große und seine Wasserfreuden
Das sich ausbreitende Christentum hat der körper- und lustbetonten Badekultur antiker Provenienz sehr schnell und nachhaltig einen Riegel vorgeschoben.
Allenthalben gerieten seit dem frühen Mittelalter die Wohltaten des Wassers und die Geselligkeit im Wasser in Misskredit: Schließlich galt die Sorge der Kirchenväter den Seligkeiten des Jenseits und der entsprechenden geistigen Läuterung im Diesseits.
In einem solchen Klima betonter Körperfeindlichkeit hatten die Annehmlichkeiten des Badens keine Existenzberechtigung mehr. Nur in Aachen - Karl dem Großen sei Dank - erlebte das Badewesen im frühen Mittelalter einen kurzfristigen neuerlichen Höhepunkt.
Immer wieder gern erzählt - aber eben nur dem Reich der Legenden entliehen - ist die Geschichte vom treuen Pferd Karls, das mit scharrendem Huf die erste heiße Quelle freilegte und damit den Auslöser für die Errichtung einer Residenz an selbigem Ort gab. Historisch korrekt hingegen ist, dass schon Pippin, Karls Vater, in der Nähe der einstigen römischen Münstertherme ein Landgut errichtete, auf das er sich zu hohen Festtagen zurückzuziehen pflegte. Wie er schätzte auch Karl, dessen Schwimmkünste weithin gerühmt wurden, die Erholung an den heißen Quellen. Sie waren, folgt man den Ausführungen seines Biographen Einhard, der Grund dafür, dass Karl der Grosse Aachen zum ständigen Wohnsitz und politischen Zentrum seines Reiches wählte: "Darumb er dann zu Aach sich geren nidergelassen, und von dess warmen Bad daselbst wegen Wohnung gehabt."
Für Karl den Großen wurde auf den Ruinen der alten römischen Anlage und in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Pfalz eine weitläufige Thermal-Badeanlage errichtet, in der er sich tagtäglich einfand, nach Möglichkeit in Begleitung von Familienangehörigen, Beamten, Gästen.
Darin zumindest war Karl der Große antikem Geist verpflichtet: Auch für ihn hatte das Bad neben den therapeutischen vor allem kommunikative und soziale Funktionen. Nach seinem Tod verfiel auch in Aachen die Badekultur zusehends - und es hat einige Jahrhunderte gebraucht, bis die Stadt - mit Badegästen aus aller Welt - zum dritten Mal eine Ära ungetrübter Badefreuden erleben konnte.
Von der Badekultur zum Bäderkult des 18. und 19. Jahrhunderts
Im 16. Jahrhundert begann sich die Medizin nachhaltig für die Wohltaten des Wassers bei Krankheiten unterschiedlichster Art zu interessieren. Das Baden im Thermalwasser oder - immer häufiger auch die Trinkkur - wurde zum probaten Mittel erklärt bei Haut- und Gelenkerkrankungen ebenso wie bei Magen-Darm-Problemen oder Schlaganfällen.
Der europäische Adel und das aufstrebende Bürgertum, egal, ob leidend oder nicht, erkannten in den medizinischen Empfehlungen einen willkommenen Grund, eine neue Reisekultur zu initiieren: Bäderreisen avancierten zum Statussymbol und zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen - wohl dem Badeort, der sich vollmundiger ärztlicher Empfehlungen rühmen durfte: Ihm war Wohlstand und Prosperität sicher.
Auch Aachen verdankte seinen Aufstieg zu einem der renommiertesten Badeorte in Europa medizinischer Unterstützung: Schon 1546 veröffentlichte der Aachener Arzt Franciscus Fabricius Ruremundanus eine ausführliche Würdigung der Heilquellen in Aachen und Burtscheid. Hundert Jahre später ließ sich der aus Lüttich stammende Franciscus Blondel als Bade- und Stadtarzt in Aachen nieder.
Seine Beiträge zur balneologischen Literatur jener Zeit hatten den Vorzug, auch dem Laien verständlich und daher ausgesprochen öffentlichkeitswirksam zu sein. Seine "Auszfürliche Erklärung und augenscheinliche Wunderwirckung deren heylsamen Badt- und Trinckwässern zu Aach" empfahl Aachens Thermalquellen als eine erste Adresse für Bade- wie Trinkkuren. - Mit nachhaltigem Erfolg: Vom 18. bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte Bad Aachen eine Bilderbuchkarriere in Sachen Badekultur. Dazu gehörte der vorbildliche Ausbau der Stadt mit einer weitläufigen Promenade und mit neuen Badeanlagen, die u.a. auch Dampfbäder, Badeduschen und Einzelbäder umfassten. Dazu gehörte die Errichtung des Stadttheaters, einer Trink- und Wandelhalle sowie umfangreicher Park- und Grünflächen.
Und dazu gehörten - vor allem - auch die Gäste, die aus allen Teilen Europas dem glänzenden Ruf, der Aachen vorauseilte, folgten - Kaiser und Könige, Fürsten und Bischöfe, Staatsmänner, Künstler, Bohemiens und Bonvivants, Russen und Dänen, Italiener und Franzosen - nicht zuletzt auch Mediziner aus aller Herren Länder, die zum Zwecke der eigenen Rekreation wie zum Studium der Aachener Quellen anreisten und durch ihre zahllosen Publikationen immer weiter am sprudelnden Image der Stadt feilten.
Keine Frage, dass neben dem Badebetrieb das gesellschaftliche Leben in der Stadt - mit Kunst und Kultur, mit Bällen und Glücksspiel und "Amusements" jedweder Art - einen nicht minder wohltuenden Beitrag zur körperlichen und seelischen Entspannung, Anregung, Aufmunterung der Gäste leistete: "Unter allen Orten in Europa, die wegen Zusammenkunfft vieler Fremden berühmt sind, ist leichtlich keiner zu finden, wo man eine grössere Veränderung im Zeit-Vertreib als zu Achen antrifft", schrieb beispielhaft 1737 Karl Ludwig Freiherr von Pöllnitz:
"Die Lage dieser Stadt... und allerhand Arten bewundernswürdiger Dinge der Natur und Kunst ... sind vermögend die Neugierigkeit derer gleichgültigsten, oder unaufmercksamsten zu ermuntern. ... Die Freiheit einer ungezwungenen Aufführung welche sonst iedermann wünschet, und ohne welche die köstlichsten Augenblicke verdrüßlich fallen, finden sich zu Achen als in ihrem Mittel-Punkt."
Die medizinische Badekur des 20. Jahrhunderts
Auch das "Mode-Bad" Aachen entging zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht jenem Schicksal, dass Moden, gleich welcher Art, gemeinhin irgendwann erleiden: Es war schlichtweg nicht mehr "en vogue" unter den Reichen und Großen dieser Welt, die auf der Suche nach Abwechslung und neuen Vergnügungen ihr Augenmerk u.a. verstärkt nach Baden-Baden richteten. Innerstädtische Schwierigkeiten in Aachen selbst, mit der anwachsenden Bevölkerung, dem wachsenden Verkehr, der sich ausdehnenden Industrie, beförderten diese Entwicklung.
Nachhaltig gestärkt wurde in der Folge jedoch der - medizinische - Kurbetrieb, insbesondere in Burtscheid, das 1897 eingemeindet wurde. Dort haben bis heute die stationären Heilbad-Aktivitäten ihr Zentrum, während der Kurbereich rund um die Monheimsallee mit Kurpark und Kurbad Quellenhof mehr der "ambulanten" Versorgung der Aachener Bevölkerung dient. Denn Mode hin - Mode her: Die mehr als 30 schwefelhaltigen Quellen der Stadt mit ihrem hohen Anteil an Mineral- und Spurenelementen und Temperaturen von bis zu 75°C sprudeln nach wie vor, munter und wohltuend und gesund wie eh und je.
Und Jahr für Jahr kommen nicht weniger als 8.000 Patienten für jeweils drei bis vier Wochen nach Bad Aachen, um dort in einer der drei Kurkliniken unter kompetenter medizinischer Betreuung Genesung und Rehabilitation, insbesondere bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, voranzutreiben.
Die Carolus-Thermen Bad Aachen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kurgebiet Monheimsallee gelegen, werden der sprudelnden Aachener Badevielfalt und deren Geschichte eine neue - und in dieser Form einzigartige - Facette hinzufügen. Die vielseitige Thermalwasser-Erlebnis-Landschaft erschließt ganz neue Dimensionen der Wasser-Wonnen, die keinerlei krankheitsbedingter Rechtfertigung bedürfen, sondern um ihrer selbst willen - und um des gemeinsamen Vergnügens willen - genossen werden können. Wasser-Bade-Entertainment mit kommunikativen, sozialen, durchaus auch gesunden Neben-Effekten, lautet die Devise, mit der Aachen hier die erfolgreiche Fortschreibung der 2000 Jahre alten Badegeschichte für das nächste Jahrtausend anstrebt...
(Text von Dr. Rita Mielke)
Information:
Haus des Gastes
Kurverwaltung Bad Aachen
Burtscheider Markt
52066 Aachen
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Fax: 02 41/60 88 058
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