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Der Krieg ist aus!

16.11.2019 – 01.03.2020
Eröffnung: 15.11.2019, 18.00 Uhr

Aachen war schon im Oktober 1944 von der US-Armee erobert worden. Und bereits am 24. Januar 1945 kamen
die „Aachener Nachrichten“ heraus. Untertitel: „Erste neudeutsche Zeitung“. Anlass genug für das Team
des IZM, sich in der Ausstellung „Der Krieg ist aus! Die Aachener Nachrichten und der Wiederaufbau“ mit der
schwierigen Frage zu beschäftigen, wie aus der Nazi-Diktatur die demokratisch geordnete Bundesrepublik
Deutschland werden konnte und welche Rolle die Medien dabei spielten.

Deutschland hatte sich seit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 rasend schnell zu einem hoch
ideologisierten totalitären Staat entwickelt. Mitglieder von Parteiorganisationen oder von der NS-Ideologie
durchdrungenen Verbänden wie der SS waren nicht lediglich im weitesten Sinne politisch tätig, sondern drückten offensiv ihre Zustimmung zur Idee einer homogenen Volksgemeinschaft aus, in der insbesondere Juden keinen Platz hatten. Sie standen zum absoluten Führerstaat, einer Militarisierung aller gesellschaftlichen Bereiche und einer aggressiven rassistischen Blut- und Bodenideologie, die auf Ausdehnung nach Osten setzte.

Demokratische Werte, Pluralismus oder der Respekt vor konkurrierenden politischen Meinungen existierten
nicht. Man gehörte entweder dazu oder war „Volksfeind“.

Den alliierten Truppen, allen voran den Amerikanern, war klar, dass es fundamentaler Veränderungen bedurfte,
um aus fanatisierten Deutschen eine demokratische und offene Gesellschaft zu formen, die sich wieder
konstruktiv in die Weltgemeinschaft einfügen konnte.

Aufklärung und Erziehung der Deutschen waren deshalb Gegenstand vielfältiger Überlegungen. Als einer der
wichtigsten Faktoren in der Neugestaltung Nachkriegsdeutschlands war die Presse vorgesehen, da sie – neben
dem Radio – das wichtigste und weitreichendste Massenmedium war. Zunächst wurde sie als Mittel eingesetzt,
um militärische und besatzungsrelevante Maßnahmen bekannt zu machen und von Anfang an eine Vertrauensbasis bei den kriegsmüden Deutschen zu schaffen. Amerikanische Einheiten, die mit psychologischer
Kriegsführung betraut waren, wussten, dass sie so wahrheitsgetreu wie möglich berichten mussten, um nicht
Skepsis oder Ablehnung zu erzeugen. Sie wollten unter allen Umständen dem Eindruck entgegenwirken, die
alte Propaganda werde einfach durch eine neue ersetzt. Aus diesem Grund waren die von amerikanischen
Heeresgruppen herausgegebenen Zeitungen höchst professionell in Erscheinungsbild und Inhalt. Es war
selbstverständlich klar, dass diese Periodika nur vorübergehend die Informationspolitik übernehmen konnten.
So schnell wie möglich mussten deutsche Zeitungen gegründet werden. Zeitungen, die von deutschen Verlegern und Journalisten herausgegeben wurden.

Aachener Nachrichten: Das „role model“ der Zeitungslandschaft in Nachkriegsdeutschland

Um zu verhindern, dass wieder Zeitungen mit nationalsozialistischer Ideologie erschienen, gab es in der Anfangsphase eine Lizenzpflicht. Die totalitäre Mentalität in allen gesellschaftlichen Bereichen indes machte die
Suche nach geeignetem Personal zu einem schwierigen und heiklen Unterfangen. Die alliierten Truppen hatten
endlos lange Verhaftungslisten mit Funktionsträgern des NS-Regimes im Gepäck, zuverlässiges Personal durfte
selbstverständlich nicht auf solchen Listen stehen. Die alliierten Kontrollgremien wählten die Herausgeber
und das Personal also sorgfältig aus. Im britischen Sektor ging man noch etwas weiter: Es mussten immer
zwei Herausgeber agieren, die zudem unterschiedlichen politischen Lagern anzugehören hatten.

In Aachen, der ersten deutschen Stadt, die eingenommen worden war, sollte auch die erste Zeitung, die von
Deutschen gemacht wurde, entstehen – gleichsam als „role model“ für die Presselandschaft der Nachkriegszeit.
Mit dem sozialdemokratischen Verleger Heinrich Hollands und dem jungen und unbescholtenen (er stand auf
keiner Liste!) Journalisten Otto Pesch fanden sich in Aachen zwei Protagonisten, die als Pioniere ans Werk gingen. Drei Monate nach Ende der Kampfhandlungen in Aachen erschien die Erstausgabe der „Aachener
Nachrichten“ mit der für NS-Propaganda gewöhnte Ohren geradezu unglaublich klingenden Schlagzeile:
„Russischer Siegeszug rollt weiter“.

Das Zeichen war gesetzt, die mit der Lizenz-Nummer 1 ausgestattete Zeitung wurde den Machern förmlich aus
den Händen gerissen und musste mehrmals nachgedruckt werden. In Zeiten großer materieller Not und eklatanter Papierknappheit eine besondere Herausforderung. In der zweiten Hälfte des Jahres 1945 erschienen
nach und nach weitere Zeitungen mit Lizenzen, so zum Beispiel die „Süddeutsche Zeitung“ oder die
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die auch heute noch zu den einflussreichen Presseerzeugnissen gehören.
Die „Lizenzzeit“ war der Beginn der Nachkriegspresse und der erfolgreiche erste Schritt zur Demokratisierung
der deutschen Gesellschaft.

Zeitzeugen des Besatzungsalltags

Die Ausstellung im Internationalen Zeitungsmuseum illustriert mit zahlreichen Exponaten die Schritte der alliierten Pressepolitik von dem Zeitpunkt an, als die Truppen vor der Reichsgrenze standen, bis zur Lizenzzeit. In erster Linie sind – naturgemäß – Zeitungen zu sehen, aber auch Verordnungen, Flugblätter, Fotos und persönliche Gegenstände. Dadurch entsteht ein anschauliches und lebendiges Bild der damaligen Gegebenheiten, die Konturen der Nachkriegsordnung werden sichtbar. Die „Aachener Nachrichten“ sind zudem spannender Zeitzeuge für den Besatzungsalltag, den Prozess der Entnazifizierung und eine herausragende Quelle der Aachener Stadtgeschichte. So ist beispielsweise der Kleinanzeigenteil gut geeignet, sich einen Eindruck von der Lebenssituation in der Stadt zu machen. In den letzten Kriegsmonaten geht es praktisch ausschließlich um die prekäre Versorgungslage, wenn Nahrungsmittel angeboten werden, die Beseitigung von Kriegsschäden, wenn „tüchtige Arbeiter“ ihre Dienste anbieten oder einschlägiges Werkzeug feilbieten. Immerhin: Als im Spätsommer 1945 ein „Klavierlehrer gesucht“ wird, deutet sich ein gewisses Maß an Normalisierung an.

Kurator
Andreas Düspohl

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband unter dem Titel „Der Krieg ist aus. Politik, Alltag und Medien in
Aachen“. Dieser ist zum Preis von 24,90 Euro im Museumsshop erhältlich.
ISBN: 978-3-00-063904-3

Herausgegeben am 13.11.2019 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
52062 Aachen
fon: 0241/432-1309
fax: 0241/28-121
mail: presse.marketing@mail.aachen.de

Pressekontakt

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