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Abiturienten werden nicht alleingelassen

  • Mit dem Coach kann man auch über Kummer und Sorgen sprechen.
  • Die Heinrich Heine-Gesamtschule Aachen nimmt am Förderprogramm „Talentscouting“ des Landes NRW teil und kooperiert mit RWTH und Fachhochschule.
  • Selbst nach dem Abi darf gefragt werden.

„Ich stand Druck, das hat mich wirklich belastet“, meint Deja Ashid nachdenklich. „Ich war zwar gut in der Schule, aber ich fand mich nicht gut genug…“ Das Schlimmste für die Abiturientin der Heinrich Heine-Gesamtschule: Ihre Familie war fest davon überzeugt, dass Deja einmal Medizin studieren und Ärztin werden würde. „Ich habe mich einfach nicht getraut, ihnen zu sagen, dass ich das gar nicht will“, erinnert sie sich heute. Erst im Gespräch mit Talentscout Daniela Möller von der Fachhochschule Aachen lüftete die Schülerin ihr Geheimnis und hatte den Mut, zu ihren Eltern zu gehen. „Ohne Daniela hätte ich mich noch länger gequält“, weiß Deja. Es war eines von vielen hilfreichen Gesprächen, die Daniela Möller und ihre Kolleginnen und Kollegen (RWTH/FH) im Rahmen des Projektes „Talentscouting“ geführt haben.

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Lehrerin Martina Sattler-Woitok, die das Talentscouting an der Heinrich-Heine-Gesamtschule mit betreut und vier der Talente: Laura Schymura, Deja Rashid, Ben Altmann und Anke Jansen (v.l.). (Foto: Stadt Aachen/Andreas Herrmann)

Die Heinrich Heine-Gesamtschule gehört zu den rund 380 Schulen mit bundesweit 18.000 Schülerinnen und Schülern, die in den Genuss des Förderprogramms kommen, das vom Landesministerium für Kultur und Wissenschaft in Kooperation mit 17 Hochschulen – in Aachen mit der RWTH und der FH – vorerst noch bis Ende 2020 finanziert wird. Pro Schule und Schuljahr werden 20 Jugendlichen des jeweiligen Abiturjahrgangs unterstützen. Ziel sind Bildungs- und Chancengleichheit von Kindern aus Familien ohne akademische Erfahrungen – hier in der StädteRegion Aachen, Düren, Heinsberg und Euskirchen. Die eingesetzten Talentscouts arbeiten dabei mit Berufskollegs, Gesamtschulen und Gymnasien zusammen, um begabte Schülerinnen und Schüler beim Übergang von der Schule zum Beruf oder zum Studium zu unterstützen.

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Projektkoordinator und Lehrer Norbert Bathe im Online-Gespräch mit Talentscout Daniela Möller. (Foto: Stadt Aachen/Andreas Herrmann)

Heinrich-Heine ist eine von 100 „Referenzschulen“

„Es ist der dritte Jahrgang für unser Gymnasium“, berichtet Norbert Bathe (50), Lehrer an der Gesamtschule und Koordinator des Projekts, das auch Kollegin Martina Sattler-Woitok begleitet. Dabei gehört die Aachener Einrichtung sogar zu den rund 100 „Referenzschulen“, deren Ergebnisse im Wissenschaftszentrum Berlin ausgewertet werden. Was Bathe beeindruckt: „Ich habe von Anfang an beobachtet, dass die Angebote begeistert angenommen wurden“, betont er, der sich über so manchen Schüler freuen konnte, der beim Coaching „aufblühte“. Sobald die Gesprächstage mit Coaching-Kontakten zu Daniela Möller bekannt gegeben sind, bemühen sich die ausgewählten Schüler um die begehrten 40-Minuten-Termine der regelmäßig angebotenen persönlichen Gespräche, tragen sich in Listen ein oder tauschen sogar untereinander, damit keine Minute verlorengeht. Nachdem die Schule zweimal eine Auswahl bei den Teilnehmern getroffen hatte, gab es diesmal eine Möglichkeit, sich um das Talentscouting offiziell zu bewerben. „Das war ein wichtiger Schritt, der zeigte, wie ernst es allen ist“, betont Bathe.

Zusammen mit Deja Ashid sind auch Anke Jansen, Laura Schymura, Ben Altmann und Julia Stahl ins Programm aufgenommen worden – und sie alle schwärmen von ihrem Scout Daniela Möller. Denn es geht nicht ausschließlich um Inhalte einer Schul- oder Studienberatung. „Wir besprechen alles, was die Jugendlichen beschäftigt“, sagt sie dazu. Wobei der Scout nicht einfach Antworten oder Lösungen sucht. „Man bekommt auch Aufgaben, bestimmte Recherchen, Links im Internet, die uns bei Entscheidungen helfen könnten oder sogar zu Stipendien führen“, erzählt Laura. „Da erfährt man plötzlich, dass man sich ganz andere Vorstellungen von einem Fach gemacht hat.“ Zum Beispiel vom Studium der Betriebswirtschaftslehre (BWL) – so viel Mathe? Bei anderen Fachbereichen sind Sprachtalente, extreme Geduld (etwa bei Logopädie) oder besondere gesundheitliche Bedingungen gefragt. „Ich wollte gern zur Polizei“, berichtet Anke in diesem Zusammenhang. „Aber ich bin von Migräne betroffen, da ist man nicht geeignet.“ Nach der ersten Enttäuschung fand sie eine neue spannende Zielsetzung. In Halle/Saale wird sie Erziehungswissenschaften in Kombination mit Psychologie studieren. Warum dort? „Die Hochschule gefällt mir, ich habe mich informiert“, sagt die Abiturientin.

„Jemand, mit dem man offen reden kann“

Die umfangreiche Unterstützung eines Scouts bringt Ben auf den Punkt: „Jemand, mit dem man offen reden kann, kein Lehrer, kein Verwandter. Jemand der uns Türen öffnet, etwa bei Stiftungen, die unsere Eltern gar nicht kennen können.“ Selbst der Weg zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr wird aufgezeigt. Und Julia Stahl, die inzwischen gespannt auf ihr Studium zur Grundschullehrerin ist, hat verstanden: „Entscheidungen müssen wir selbst treffen, trotzdem nimmt einem die Begleitung eine Last ab.“ Und selbst persönliche Themen, Kummer und Sorgen dürfen angesprochen werden, denn sie wirken sich letztlich auf Schulleistungen aus.

Die Abiturienten erzählen in Beratungsgesprächen von Hobbys und Interessen, Fähigkeiten und Neigungen. „Wenn man gut in Kunst ist, reicht das allerdings noch nicht zum Kunststudium“, nennt Ben ein Beispiel. Was sie alle sehr beruhigt. „Wir können uns selbst nach dem Abitur noch bei unseren Scouts, also hier bei Daniela Möller, melden, das ist super“, betont Laura. Und Koordinator Nobert Bathe bestätigt, dass rund ein Drittel der bisherigen Kandidaten noch Kontakt mit ihren Beraterinnen und Beratern pflegt.

Manchmal vermittelt ein Scout neue Erfahrungen, von denen die Abiturienten anfangs nicht unbedingt begeistert sind. „Ich habe an der Schülerakademie für Bildung und Begabung in der Klosterschule von Roßleben teilgenommen, zu der ich gar nicht so große Lust hatte, aber das waren tolle 17 Tage“, berichtet Anke von einer Maßnahme des Bundes und der Länder zur Talentförderung, bei der viel auf Eigeninitiative der Teilnehmer gesetzt wurde. Genau ihr Ding!

Das Abitur, da sind sich alle Projekt-Schüler sicher, ist der Schlüssel zur Zukunft, die sie selbst in der Hand haben. Dabei ist der gute Start entscheidend. Die beteiligten Schulen und Lehrer hoffen daher auf eine Fortsetzung des Förderprogramms durch das Land NRW. Deja, die bei ihren Eltern auf großes Verständnis stieß, hat nicht nur gute Noten, sie weiß inzwischen auch was sie studieren möchte: Statt Medizin ist es „European Business“, ein Studiengang, der sogar an der FH Aachen angeboten wird.

Infos unter www.talentscouting-aachen.de und www.hhg-aachen.de

Herausgegeben am 20.05.2020 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
52062 Aachen
fon: 0241/432-1309
fax: 0241/28-121
mail: presse.marketing@mail.aachen.de

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