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Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2018

  • Der Wiener Schriftsteller und Essayist erhält den Preis für sein Gesamtwerk und seine konkrete Vision einer „konsequent Währung, Wirtschaft und Politik einschließenden Europäischen Union.“
  • Oberbürgermeister Marcel Philipp würdigt Menasse als aufrechten Kämpfer gegen den Nationalismus.
  • In einer ergreifenden Rede äußert der Preisträger seine Sorgen um die Lage Europas.
Der Wiener Schriftsteller und Essayist Robert Menasse hat am Sonntag, 18. November, den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen erhalten. Bei der festlichen Preisverleihung vor etwa 250 Zuhörern im Ludwig Forum ging es allen Rednern vor allem um die Lage Europas – einem zentralen Thema in Menasses Werk.

Die Jury würdigte in ihrer Begründung das Gesamtwerk des Autors und dessen konkrete Vision einer „konsequent Währung, Wirtschaft und Politik einschließenden Europäischen Union.“ Menasse setze sich in seinen Essays verstärkt für eine gesamteuropäische Idee ein und stelle sich entschieden gegen nationale Interessen. Gerade in der heutigen Zeit, mit dem Aufschwung von nationalistischen Bewegungen in ganz Europa, sei eine entschiedene Stimme wie die des Österreichers besonders wertvoll.

Bild Stadt Aachen
© Stadt Aachen / Andreas Herrmann

Aufrechter Kämpfer gegen Antieuropäer
Erst vor acht Tagen ließ Menasse in einer gemeinsamen Kunstaktion mit Ulrike Guérot ein von ihnen verfasstes „Manifest zur Ausrufung der Europäischen Republik“ in Theatern in ganz Europa verlesen – auch vom Balkon des Aachener Stadttheaters, wie Oberbürgermeister Marcel Philipp in seiner Begrüßung verriet. „Es ist mehr als nur eine künstlerische Aktion. Es ist all das, was Robert Menasse schon über Europa zu sagen hatte und noch zu sagen hat.“ Philipp würdigte den Preisträger als aufrechten Kämpfer gegen nationalistische Anti-Europäer, der für die europäische Idee eintritt, aber die momentane Zustand unseres heutigen Europas durchaus kritisiert. „Auch der Aachener Karlspreis war zu Beginn eine Symbolaktion, eine Proklamation wie die vor acht Tagen. Daraus wurde die höchste Auszeichnung, die Europa zu bieten hat. Aus Ideen werden Bewegungen, die Leute begeistern können. Wir brauchen viele solche Aktionen, solchen Schwung, um weiter für Europa zu werben.“

Laudator Prof. Dr. Carlos Fraenkel von der MCGill University in Montreal sagte, als Philosoph suche er immer „nach spannenden Fragen in der Literatur. In Ihrem Werk habe ich einige davon gefunden. Und die zentrale Frage nach der Idee und der Zukunft Europas kann nicht drängender sein.“ Die spannenden Fragen nach dieser Idee, nach Schuld und Verantwortung und vor allem danach, ob Philosophen und Schriftsteller noch in der Lage seien, die Welt zu erklären, diskutierten Laudator und Preisträger in einem munteren Dialog.

Ergreifende Rede zur Lage Europas
Nachdem Menasse den Walter-Hasenclever-Preis aus den Händen der Vorsitzenden der Hasenclever-Gesellschaft, Barbara Schommers-Kretschmer, und dem Oberbürgermeister entgegengenommen hatte, setzte er zu eineraußergewöhnlichen und ergreifenden Dankesrede an.

Er sei glücklich und dankbar, diesen Preis für sein Gesamtwerk zu bekommen und habe sich die Frage gestellt: „Was kommt nach dem Gesamtwerk?“ Aber beim Versuch eine Dankesrede zu schreiben, habe er jeden Tag immer nur den einen selben Satz auf ein leeres Blatt Papier gebracht…Doch dazu später mehr.“

Es folgte eine Rede, die sich intensiv mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage befasste. „Literatur ist immer eine Reflexion von Zeitgenossenschaft“, sagte Menasse. Er unterbrach seine Rede immer wieder mit den Worten „Ich muss neu beginnen“. Er lebe nicht in „der Welt“, er lebe in Europa, einem Teil der freien Welt. „Was wir in der freien Welt alle teilen, sind unsere Werte. Wir sind der Teil der Welt, der sich der Menschenrechte verpflichtet hat. Darum ist die Menschenrechtscharta auch Grundlage der Europäischen Verfassung.“ Menasse macht sich offenbar große Sorgen um diese Werte, während seiner emotionalen Rede traten ihm Tränen in die Augen, er war sichtlich aufgewühlt. Am Ende verriet er den gebannt lauschenden Zuhörern den Satz, den er immer wieder aufgeschrieben hatte: „Ich muss neu beginnen.“ Für Menasse ist es offensichtlich nicht irgendein, sondern der Satz. Ein Auftrag. Nicht allein für ihn, sondern für alle Menschen, für das Projekt Europa.

Eine „entschiedene Stimme“ für die europäische Idee
Der Österreicher beweist mit dieser Rede, warum er von der Jury als „eine entschiedene Stimme“ für die Europäische Idee geehrt wird, die die sonst getrennt wahrgenommenen Bereiche Literatur/Kunst, Politik und Philosophie zu einer neuen Produktivität verbindet. Das ergriffene Publikum würdigte dies mit lang anhaltenden stehenden Ovationen.

Im Anschluss gab es die Möglichkeit, sich über diese ganz besondere Verleihung des Walter-Hasenclever-Preises mit dem Preisträger und dem Laudator auszutauschen. Musikalisch begleitet wurde der Vormittag vom gut aufgelegten Neuen Orchester Aachen unter der Leitung von Felipe Canales. Bereits am Samstag hatte Menasse im Ludwig Forum vor hunderten Leuten aus seinen Werken gelesen, am Montag, 19. November, diskutierte er abschließend mit Schülerinnen und Schülern des Einhard Gymnasiums – der ehemaligen Schule Walter Hasenclevers.

Literatur in der Tradition Walter Hasenclevers
Der Preis wurde im Gedenken an den in Aachen geborenen Schriftsteller Walter Hasenclever gestiftet. Er zeichnet literarische Arbeiten aus, die in der künstlerischen Grundhaltung, durch Themenwahl oder durch literarische Form mit dem Wirken Hasenclevers in Verbindung gebracht werden können. Walter Hasenclever wurde am 8. Juli 1890 in Aachen geboren und starb am 21. Juni 1940 in einem südfranzösischen Internierungslager.

Sein lyrisches Werk sowie sein 1916 uraufgeführtes Drama "Der Sohn" machten ihn zu einem Exponenten des literarischen Expressionismus.1917 erhielt Walter Hasenclever den Kleist-Preis, von 1924 bis 1930 lebte er als Journalist in Paris. Während dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Schauspielen, durch die er zeitweilig zum meist gespielten Dramatiker des deutschen Sprachraums avancierte.1930 arbeitete Hasenclever als Drehbuchautor Greta Garbos in Hollywood. 1933 wurden seine Werke in Deutschland verboten. Als Regimegegner auch physisch gefährdet, flüchtete er ins Exil, wo er angesichts der deutschen Kriegserfolge den Freitod wählte.

In seiner jetzigen Form existiert der Walter-Hasenclever-Preis seit 1996. Bisherige Preisträger waren Peter Rühmkorf (1996), George Tabori (1998), Oskar Pastior (2000), Marlene Streeruwitz (2002), F. C. Delius (2004), Herta Müller (2006), Christoph Hein (2008), Ralf Rothmann (2010), Michael Lentz (2012), Michael Köhlmeier (2014) sowie Jenny Erpenbeck (2016). Der Preis wird getragen von der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, dem Einhard-Gymnasium - der ehemaligen Schule Hasenclevers -, dem Aachener Buchhandel und der Stadt Aachen. Dem Kuratorium gehört auch ein Vertreter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach an, das den Nachlass Hasenclevers pflegt und sich als Hauptträger am Preis beteiligt.

Herausgegeben am 19.11.2018 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
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