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Danielle Dean - Trigger Torque

15.11.2019 – 01.03.2020
Eröffnung: Do, 14.11.2019, 19.00 Uhr

Danielle Dean beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit der Konstruktion ethnischer, sozialer und geschlechtsspezifischer Rollen, indem sie Narrative untersucht, die sie zum Beispiel in politischen Reden und Nachrichten, Geschäftsbüchern, in Werbeanzeigen und der Populärkultur findet. Ausgangspunkt ihrer Recherche sind oftmals historische und zeitgenössische Archive, wie zum Beispiel die Unternehmensarchive des Automobilherstellers Ford in Detroit oder des Kaufhauses Galeries Lafayette in Paris.

Mit Trigger Torque präsentiert Danielle Dean (geb. 1982 in Huntsville, Alabama, USA) im Ludwig Forum für Internationale Kunst ihre erste Ausstellung in Deutschland. Neben einer Reihe von Neuproduktionen für Aachen unter dem Titel Fordland (2019) zeigt sie zwei weitere große Werkkomplexe, Bazar (2018) und True Red Ruin (2017).

Sei es die Ideologisierung der amerikanischen Landschaft durch die Werbung der Automobilindustrie (Fordland, 2019) oder die kolonialistische Vergangenheit, die sich in den Marketingstrategien von Kaufhäusern wiederfinden lässt (Bazar, 2018), die Künstlerin untersucht in ihren Arbeiten die zugrunde liegenden Machtstrukturen, die zur Manipulation von Gedanken, Gefühlen und sozialen Beziehungen führen und schließlich daran Anteil haben, Menschen politisch, gesellschaftlich und kulturell in etablierten Rollen und Funktionen zu determinieren.

Danielle Dean unterwandert die Bildsprache der Werbung und überführt sie in einen künstlerischen Raum, in dem die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwischt wird. Ihre Videoinstallationen, Collagen und Zeichnungen führen verschiedene Objekte, Ereignisse und Orte zusammen und zeigen, dass bestimmte Formen der Invasion, Gewalt und Überwachung über geografische und zeitliche Grenzen hinweg wirksam sind und wie Technologie, Architektur, Marketing und Medien sowohl Werkzeuge der Unterdrückung als auch der Emanzipation und des Widerstands sein können.

Fordland (2019)
Bei Recherchen im Archiv der Ford Motor Company in Detroit fand Danielle Dean Werbeanzeigen des Automobilkonzerns vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Gemeinsam ist ihnen, dass die Landschaft, in der die beworbenen Autos präsentiert werden, im Sinne des American Dreams und jeweiligen Lifestyles ideologisiert ist. Doch was bleibt übrig, wenn das Auto aus dem Bild verschwindet und man hinter die Hochglanzkulissen der Werbewelt blickt? Die Künstlerin hat die ursprünglichen Ausgangsmaterialien dekonstruiert und feinfühlig wieder zusammengesetzt. An Stelle der Idylle, die in den Originalanzeigen dargestellt ist, zeigt sich in der künstlerischen Übersetzung eine alternative Perspektive, die die Arbeitsbedingungen und die ökologischen Folgen der Automobilindustrie reflektieren.

Im Zentrum des komplexen Werks aus Objekten und Zeichnungen, bei denen die Künstlerin die Ästhetik der Werbeanzeigen von Ford adaptierte, steht ein Animationsfilm mit dem Titel Long Low Line. Danielle Dean hat sich hierbei der sogenannten Multiplan-Kameratechnik bedient, bei der ein perspektivisches Bild in aufeinanderfolgende Schichten getrennt ist, so dass ein realistischer 3D-Effekt entsteht. Diese Technik, die von den Disney-Studios in den 1930er-Jahren für Trickfilme weitgehend mechanisiert wurde, war ein entscheidender Aspekt der Industrialisierung der Werbung. Danielle Deans Animation kombiniert unter anderem Werbeanzeigen von 1910 bis 1940 mit beispielsweise einzelnen architektonischen Elemente der von dem berühmten Industriearchitekten Albert Kahn errichteten einstigen Zentrale des Automobilbauers in Detroit und „Fordlandia“, ein 10.000 Quadratkilometer großes Amazonasgebiet, das für die Errichtung von Kautschukplantagen zur Reifenproduktion abgeholzt wurde.

Bazar (2018)
Danielle Deans Videoinstallation Bazar (2018) entstand im Rahmen einer Recherche im Archiv des Bazar de l'Hôtel de Ville (BHV), eines der berühmten Kaufhäuser von Paris, das 1856 gegründet und gegenüber des Hôtel de Ville erbaut wurde. Hier hat Marcel Duchamp 1914 sein erstes Readymade, porte-bouteilles (Flaschentrockner), gekauft. Inzwischen gehört das BHV zur Warenhausgruppe Galeries Lafayette.

Bei der Entstehung ihrer Videoinstallation arbeitete Danielle Dean mit jungen Frauen von Permis de Vivre la Ville zusammen – einer Assoziation, die ein soziales und kulturelles Engagement in den Pariser Banlieues organisiert und fördert. Viele von ihnen sind in zweiter Generation Nachkommen von Immigrant*innen aus ehemaligen französischen Kolonien in Afrika und Ozeanien. Zusammen mit Danielle Dean analysierten sie Werbe- und Verkaufskataloge des BHV, von den 1880er-Jahren bis heute. Über die Zeit hinweg repräsentieren die Warenkataloge beispielhaft ein bestimmtes Idealbild der Französinnen und Franzosen, die strikt weiß, gehobene Mittelklasse und „parisienne“ sind. Das einzige Bild einer schwarzen Frau, das der Lesegruppe in den Katalogen des BHV begegnete, war eine Haushälterin, die augenscheinlich dazu dient, die beworbene Bettwäsche noch weißer erscheinen zu lassen.

Aus diesen Katalogen und den Diskussionen über Konsum und Kolonialismus entwickelte die Künstlerin das Skript ihrer Videoarbeit, in der sich, nicht ohne Humor, halb improvisierte Szenen der Workshop-Teilnehmerinnen mit animierten Illustrationen abwechseln, die von den Abbildungen in den Katalogen inspiriert sind. Schließlich findet das bewegte Bild durch eine Reihe von Displays eine Erweiterung im Raum. Konkret handelt es sich um verschiedene Objekte aus den Werbekatalogen des Bazar de l'Hôtel de Ville, die eine „romantische“ (Werbe-) Landschaft entfalten und einen physischen wie konzeptuellen Rahmen der Videoarbeit bilden.

True Red Ruin (2017)
Ort der Handlung in True Red Ruin ist Cuney Homes, ein Häuserkomplex in der Third Ward in Houston (Texas/USA), einem überwiegend von Afroamerikaner*innen bewohnten Viertel, das von einer forcierten Gentrifizierung betroffen ist, die die alteingesessenen Bewohner*innen allmählich verdrängt. Als historische Folie dient der Künstlerin ein zweiter Ort: die Festung Elmina Castle im heutigen Ghana, Weltkulturerbe und ältestes europäisches Gebäude südlich der Sahara. Sie wurde 1482 von Portugiesen als Handelsposten errichtet, der sich zu einem bedeutenden Knotenpunkt auf der transatlantischen Route des Sklavenhandels entwickelte. Durch die Überlagerung dieser zwei Orte und ihrer Erzählungen zeigt die Künstlerin in ihrer Arbeit, dass bestimmte Formen der Invasion, Gewalt und Überwachung über geografische und zeitliche Grenzen hinweg bis heute wirksam sind.

Danielle Dean, selbst Tochter eines nigerianisch-amerikanischen Vaters, die bei der Mutter in den Suburbs von London aufgewachsen ist, tritt in ihrem Film als Managerin des neuen „Elmina Castle“ auf; ihre Halbschwester und deren Freunde, die auch in Wirklichkeit in den Cuney Homes leben, spielen die lokalen Bewohner*innen. Sie begegnen der Managerin mal mit Optimismus und mal mit schlimmsten Befürchtungen, die zum Teil auf aktuellen wie historischen Quellen gründen, auf die sich Danielle Dean bezieht.

So versuchte man bereits bei der Errichtung der Befestigungsanlage im 15. Jahrhundert die aufgebrachte Bevölkerung vor Ort mit leeren Versprechungen, wie der Förderung des lokalen Handels, Schaffung von Arbeitsplätzen und Schutz vor Bedrohung, zu besänftigen. Der Widerstand, der sich dennoch formierte, wurde von den Portugiesen blutig niedergeschlagen. Ob die Proteste der Bewohner*innen des in dem Video sogenannten „New Elmina Castle“ von Erfolg gekrönt sein werden, bleibt offen. Schließlich stellt sich ihnen – und somit auch den Betrachter*innen – die Frage, ob eine Gesellschaft bei der Gestaltung der Zukunft ihrer Geschichte entrinnen kann.

Als augenscheinlich historische Referenz verwendet die Künstlerin in der Video-Installation Aufsteller mit an Graphic Novels erinnernden Bildern von Elmina Castle, blutrote Mauerfragmente, die für die Installation namensgebend sind: True Red Ruin. Diese leicht beweglichen „Produkt-Displays“ finden ihre Entsprechung in den vorgefertigten Bauteilen, die die Portugiesen nach Westafrika brachten, um ihre Festung in möglichst kurzer Zeit zu errichten und somit die Bevölkerung vor Ort schnellstmöglich vor vollendete Tatsachen zu stellen. So wird in der künstlerischen Arbeit eine Brücke zu den schon damals „globalisierten“ Strukturen von Produktion und (Menschen-)Handel geschlagen.

Die Künstlerin begibt sich als eine Protagonistin der Videoarbeit bewusst in eine schwierige Position: als Afroamerikanerin in der Rolle der Managerin, die die Bevölkerung vor Ort von der Errichtung des „New Elmina Castle“ überzeugen soll. Hierdurch verhandelt Danielle Dean nicht nur die historische Bedingtheit von Machtstrukturen vor dem Hintergrund einer fortdauernden materiellen und geistigen Kolonialisierung, sondern reflektiert auch ihre und unsere eigene Verstrickung mit einer postkolonial strukturierten Welt.

Rahmenprogramm
Do 12.12.2019, 18.00 Uhr Kuratorenführung mit Holger Otten
Do 16.01.2020, 18.00 Uhr Kuratorenführung mit Dominik Bönisch

So 16.02.2020, 10.00 bis 17.00 Uhr Aktionstag
Der Sparda-Tag im Ludwig Forum mit einem spannenden Familienprogramm zur Ausstellung. Freier Eintritt!

Herausgegeben am 12.11.2019 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
52062 Aachen
fon: 0241/432-1309
fax: 0241/28-121
mail: presse.marketing@mail.aachen.de

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