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Alles auf Anfang? In Aachen beginnt die Nachkriegszeit

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Das Centre Charlemagne nimmt dies zum Anlass einer Ausstellung mit dem Titel „Alles auf Anfang? In Aachen beginnt die Nachkriegszeit“ und dies buchstäblich: Aachen war die erste deutsche Großstadt, die von alliierten Truppen befreit wurde. Gezeigt wird die Geschichte Aachens zwischen 1929 und 1950, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit zwischen der Befreiung Aachens am 21. Oktober 1944 und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 liegt.

Die Ausstellung beginnt mit der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Genau wie für den Rest Deutschlands galt auch für Aachen, dass der Krieg nicht einfach „vom Himmel gefallen“ und „über die Stadt gekommen“ war. Vielmehr hatte Aachen sich seit dem Abzug der belgischen Besatzungstruppen 1929 kontinuierlich verändert. Der Nationalsozialismus gewann in Aachen zunehmend an Macht und etablierte sich in vielen Lebensbereichen. Mit ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte im April 1933 nahmen Entrechtung, Enteignung und Verfolgung der Juden auch in Aachen ihren Anfang, die schließlich zu Vertreibung und Vernichtung in den Konzentrationslagern führten.

Die ersten Kriegsvorbereitungen zeigten sich bereits mit der Stationierung deutscher Truppen im eigentlich entmilitarisierten Rheinland 1936, als Aachen wieder Garnisonsstadt wurde, und schließlich mit dem Bau des „Westwalls“ in unmittelbarer Nähe der Stadt. Nach dem 1. September 1939 blieb Aachen vom Kriegsgeschehen zunächst weitgehend unberührt. Erst im Mai 1940, als die Stadt eine zentrale Rolle für den Einmarsch in Belgien und den Niederlanden spielte, wurde der Krieg auch hier spürbar. Nahezu zeitgleich begannen die Luftangriffe, die während der folgenden Jahre den Alltag der Aachener prägten und die Bevölkerung zu einem Leben in Kellern und Bunkern zwangen.

Aachen ist schon „Demokratielabor“, während anderswo noch der Krieg tobt
Genauso prägend wie die Luftangriffe war die Evakuierung der Stadt im September 1944, die angesichts der sich nähernden Alliierten angeordnet wurde, nachdem die ersten amerikanischen Aufklärungseinheiten am 12. September 1944 bei Roetgen und Sief die deutsche Grenze überschritten hatten. Diejenigen Aachener, die sich der Evakuierung widersetzten, erlebten in den folgenden sechs Wochen die „Schlacht um Aachen“, in der sich die Amerikaner mühsam ins Stadtzentrum vorkämpften. Die „Stadt Karls des Großen“ wurde von den deutschen Soldaten, die auf „unbedingtes Halten bis zum letzten Mann“ verpflichtet worden waren, erbittert verteidigt. Erst am 21. Oktober, als die Amerikaner fast den Gefechtsstand des letzten Kampfkommandanten in Aachen im Bunker an der Rütscher Straße erreicht hatten, entschloss dieser sich, die militärisch sinnlose Verteidigung der Stadt aufzugeben.

Damit begann eine 199 Tage andauernde Phase der Gleichzeitigkeit, während der in Aachen bereits mit Entschuttung und Wiederaufbau begonnen wurde und der Krieg im Rest Deutschlands noch weiterging. An der Westfront gelang der Wehrmacht mit der Ardennenoffensive ein letzter Einbruch in die alliierten Linien, die Schlacht im Hürtgenwald wurde eine der verlustreichsten des ganzen Krieges, und an der Ostfront näherten sich die sowjetischen Truppen Berlin. In dieser Zeit wird Aachen zum „Demokratielabor“, in dem die Amerikaner ihre Besatzungspolitik erprobten und die erste Stadtverwaltung unter Franz Oppenhoff aufbauten, der im März 1945 von einem sogenannten „Werwolfkommando“ der SS auf Befehl Heinrich Himmlers ermordet wurde. Im Januar 1945 wurden die Aachener Nachrichten gegründet und im März 1945 mit dem Freien Deutschen Gewerkschafts-bund die erste Nachkriegsgewerkschaft. Die Phase der Gleichzeitigkeit endete mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg in Europa war vorbei. Die Nachkriegszeit, die in Aachen ihren Anfang genommen hatte, begann nun auch im übrigen Deutschland.

Während der Wiederaufbau vorangetrieben wurde, entwickelte sich in Aachen aus der Erfahrung des Kriegs im Dreiländereck zu einer Stadt, die sich selbst als europäisch versteht und die Überwindung der nationalen Grenzen vorlebt. Der 1950 zum ersten Mal verliehene Karlspreis zeigt das neue Selbstverständnis.

Die Ausstellung zeichnet die Geschichte Aachens vom Abzug der belgischen Besatzungstruppen bis zum ersten Karlspreis nach. Ca. 200 Exponate, darunter eine Trümmerbahn, machen die Ereignisse greifbar. Besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf das persönliche Erleben der Kriegs- und Nachkriegsjahre. An vielen Stellen finden sich deshalb sehr persönliche Objekte wie Briefe und Tagebücher. Ein weiteres wichtiges Element sind Zeitzeugeninterviews, in denen ein lebendiges Bild der Ereignisse gezeichnet wird.

War das Kriegsende für Aachen – stellvertretend für andere Großstädte in Deutschland – ein Neuanfang? Der Blick auf die Erinnerungskultur zeigt, wie stark personelle Kontinuitäten waren und wie versucht wurde, eine Erzählung der Ereignisse zu schaffen, die nicht die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen aufwarf. Zugleich zeigt die schleppende und oft unzureichende Aufarbeitung der NS-Diktatur, wie wenig Interesse an einem echten Neuanfang bestand.

Nachtrag: Kapitulation erst nach drei Gläsern Whisky
Am Samstag, 21. Oktober 1944, um 12.05 Uhr kapitulierte Oberst Gerhard Wilck, Kommandeur der 246. Volksgrenadierdivision und letzter Stadtkommandant von Aachen, und ging mit den bei der Verteidigung von Aachen eingesetzten deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Es war der Amerikaner John T. Corley, Lieutenant Colonel des 26. Regiments der 1. Infanteriedivision, der die Kapitulationserklärung entgegennahm. Sein Sohn Michael Corley hat erst jetzt, fast 75 Jahre später, bei einem Besuch in Aachen ein bislang unbekanntes Detail enthüllt: „Mein Vater erzählte mir, dass Wilck sich zunächst strikt geweigert habe, die Kapitulationserklärung zu unterzeichnen. Er kam in das Büro meines Vaters und sagte, er habe Angst, was dann mit seiner Familie passieren würde, die nicht bei ihm in Aachen lebte. Mein Vater goss ihm ein Glas Whiskey ein
und forderte ihn erneut zur Unterschrift auf.“ Doch Wilck wollte nicht. „Mein Vater gab ihm ein zweites Glas, Wilck verweigerte sich wieder. Also schenkte er noch einmal nach. Nach dem dritten Whiskey war er schließlich bereit zu kapitulieren.“

Kuratiert von
Anke Asfur und Lars Neugebauer

Herausgegeben am 06.11.2019 von:

Stadt Aachen
Fachbereich Presse und Marketing
Bernd Büttgens
Markt 39
52062 Aachen
fon: 0241/432-1309
fax: 0241/28-121
mail: presse.marketing@mail.aachen.de

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