Inhalt



Fachwerkstatt 29.11.2010

Die Ergebnisse der Fachwerkstatt können Sie hier auch gebündelt als pdf-Dokument herunterladen.

Ziel der Fachwerkstatt am 29.11.2010 war es, jeweils von den allgemeinen Trends und Rahmenbedingungen ausgehend, die möglichen Konsequenzen für Aachen zu erörtern. Einige Ergebnisse der Arbeitsgruppen und die sich daraus ergebenden Folgerungen für den weiteren Arbeitsprozess im Projekt AACHEN*2030 werden nachfolgend kurz umrissen:

* AG 1 Gesellschaftlicher Wandel/Demographie

Angeregt durch den einführenden Beitrag von Frau Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich lag der Schwerpunkt der Diskussionen in der Arbeitsgruppe vor allem auf der Auseinandersetzung mit demographischen Rahmenbedingungen. Es wurde deutlich, dass der demographische Wandel als Querschnittsthema Auswirkungen auf fast alle Handlungsfelder der Stadtentwicklung hat. Zugleich wurde eine derzeit noch doppelte Unschärfe identifiziert: Einerseits weichen die Prognosen zur zukünftigen Entwicklung der Einwohnerzahlen in Stadt und Region noch deutlich voneinander ab und beinhalten zudem nicht abgesicherte Annahmen (etwa zur Zuwanderung). Andererseits fehlt es an sozialer und räumlicher „Tiefenschärfe“. So wurde mit Blick auf die Themen Wohnen und städtischen Quartiere als „urbane Lebensräume“ deutlich, dass zwischen Teilräumen und -märkten wie auch hinsichtlich Altersgruppen, Einkommensgruppen und Lebensstilen deutlicher unterschieden werden sollte. Eben dies ist aber mit den vorliegenden Daten nur begrenzt möglich. Mithin lassen sich die (zukünftigen) Lebenswirklichkeiten einzelner Gruppen (zum Beispiel Jugendlichen, älteren Menschen, etc.) oder einzelner Quartiere in den empirischen Befunden und fachlichen Diskussionen (noch) nicht hinreichend abbilden. Diese Problematik bezieht sich nicht nur auf Aachen, sondern kennzeichnet die Stadtentwicklungsdiskussionen bundesweit in ihrer Breite. Es führt dies dazu, dass manche Fragen für den weiteren Bearbeitungsprozess in Aachen noch offen bleiben, etwa: Wie ergebnisoffen kann/muss der Prozess sein? Wo sind die gestaltbaren Spielräume? Wie finden sich die Handlungsbereiche wie Bestandserneuerung, Stadtumbau, Quartiersentwicklung etc. in einem Masterplan/FNP wieder? Wie dynamisch, flexibel und revidierbar ist ein FNP in seinen Darstellungen?

Mit Blick auf die Handlungserfordernisse und -spielräume sei, so wurde in der Arbeitsgruppe betont, die isolierte Betrachtung des Aachener Stadtraums nur bedingt sinnvoll. Notwendig sei ein weiterer Umgriff, der nicht nur die Städteregion sondern auch die euregionale Lage und die in diesem Kontext wesentlichen demographischen Entwicklungen mit einbezieht. Nicht nur in dieser Hinsicht sei Aachen*2030 als „integrierender Ansatz“ zu verstehen, der sich einerseits auf die Räume und anderseits die Akteure beziehe: Vernetzung mit der Region, nutzungsgemischte Quartiere, generationenübergreifende Wohnformen, kooperative Stadtentwicklung und zielgruppenübergreifende Beteiligung.

* AG 2 Wirtschaftlicher Wandel

Als wesentliche zukunftsbestimmende und stabilisierende Faktoren für die Stadt- und Regionalentwicklung werden das technologische Potenzial der Aachener Hochschulen aber auch das vielfältige Potenzial der Bestandsbetriebe im produzierenden Gewerbe, bei unternehmensnahen Dienstleistungen, im Handel und Tourismus bewertet. Besondere Impulse für den Arbeitsmarkt und den Wohnungsmarkt werden von der Realisierung der Campus-Projekte erwartet. Innovative Betriebe und qualifizierte Arbeitskräfte längerfristig an den Standort Aachen zu binden, setze – so wurde betont – allerdings erhebliche Investitionen in die Infrastruktur und die Qualifizierung weiterer Standortfaktoren sowie Bemühungen um soziale Integration voraus. Dafür sei eine auf Kooperation basierende regionale Entwicklungsstrategie ein notwendiger Rahmen.

Baulich-räumliche Konsequenzen der künftigen gewerblich-technologischen Entwicklung werden sich voraussichtlich weniger in neu erschlossenen Gewerbestandorten, als mehr in einer Qualifizierung bestehender Wirtschaftsstandorte niederschlagen.

Betont wurde in der Arbeitsgruppe, dass die Zukunft zwar nur mit erheblichen Unschärfen prognostizierbar sei, aber die heute wahrscheinlichen Entwicklungskorridore für die Stadt doch durchaus identifiziert werden können. Insofern wäre es ein Verdienst des AACHEN*2030-Projektes, eben diese künftigen Handlungsspielräume und die diesbezüglichen Steuerungsmöglichkeiten der Stadt zu verdeutlichen und in ihren räumlichen Konsequenzen darzustellen. Zugleich müssten aber auch Verluste von Steuerungsmöglichkeiten (etwa durch Kompetenzverlagerungen an Bund oder EU) oder externe Einflüsse (etwa der Deutschen Bahn u.v.a.m.) beachtet werden.

Bei alledem sei, so hieß es in der Arbeitsgruppe, zweierlei zu beachten:

  • Erfahrungen sollten nutzbar gemacht werden: „Aus dem Blick in die Vergangenheit der Stadt lässt sich für die Zukunft der Stadt lernen“
  • Entwicklungskonzepte sollten große Zusammenhänge und Zeiträume umfassen: „Wer zukunftsfähig sein will, muss weit voraus denken und sich nicht auf Projektchen beschränken“.

* AG 3 Umweltentwicklung, insbesondere Klimawandel

Der Klimawandel vollzieht sich in langen Zeiträumen und setzt doch hier und heute eine Umorientierung in der Stadtentwicklung voraus. So könnte, zugespitzt, eine zentrale Botschaft dieser Arbeitsgruppe zusammengefasst werden: Innerhalb eines Planungshorizonts bis 2030 werden in Aachen die Auswirkungen des Klimawandels nur moderat spürbar sein. Erst ab 2060 sind wirklich signifikante Auswirkungen zu erwarten. Gleichwohl müssen notwendige Schutz- und Anpassungsmaßnahmen jetzt erfolgen. Besonders zu vermeiden sei, so wurde unterstrichen, die „Salami-Taktik“ in der Bebauung von Klimaschneisen: Die Funktion einer einmal „verbauten“ klimarelevanten Fläche sei nicht mehr kompensierbar.

Wichtige Handlungsfelder des Klimaschutzes und der Klimafolgenanpassung sind, das machte auch die Diskussionen dieser AG deutlich, nur im kooperativen Prozess mit anderen Fachplanungen umsetzbar. Es sei daher dringend notwendig (auch und gerade im weiteren Prozess Aachen*2030), Klimafragen als Querschnittsthema zu behandeln – also gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft, Verkehr, Bauwesen und anderen. Eine rein sektorale Bearbeitung des Klimathemas bringe kaum neue Erkenntnisse und wenig praktische Fortschritte.

Zugleich wurde darauf verwiesen, dass eine klima- und umweltgerechte Stadtplanung auch die Wettbewerbsfähigkeit der Stadt Aachen erhöhen könne: Visionäres Denken und Umsetzen, Klimapolitik mit ‚Spaß’, Qualitäten denken und strategische Planung könnten als Chance begriffen und genutzt werden - Klimawandel müsse und solle kein ‚Schreckgespenst’ sein. Im Prozess Aachen*2030 könne und solle daher die Prozesskommunikation auch für ein breites Verständnis dieser Thematik und für Zustimmung mit notwendigen Maßnahmen in der Öffentlichkeit genutzt werden.

* AG 4 Technologischer Wandel, insbesondere Mobilität und Energie

Die zentrale Botschaft dieser Arbeitsgruppe lässt sich so zusammenfassen: Für die nächsten zwei Jahrzehnte ist nicht mit solchen technologischen Sprüngen zu rechnen, dass sich die räumliche Entwicklung der Städte nachhaltig verändern würde. Aber es zeichnen sich schon seit einiger Zeit Entwicklungen ab, die möglichst bald konkrete Konsequenzen verlangen. Angesprochen wurden hier insbesondere die absehbare dramatische Verknappung fossiler Brennstoffe („Peak Oil“) und die Notwendigkeit, mit Blick auf die Klimaveränderungen, mindernd auf den CO2-Ausstoß einzuwirken.

Es herrschte Übereinstimmung in der Arbeitsgruppe, dass die allgemeinen Rahmenbedingungen ‚Peak Oil jetzt’, Klimawandel und demographischer Wandel als gegeben anzunehmen sind und Konzepte der Stadtentwicklung ihre sich zum Teil überlagernden Wirkungen und die sich daraus ergebenden Anforderungen berücksichtigen müssen.

Ein wichtiges Handlungsfeld der Stadtplanung und -entwicklung ist nach Auffassung der Arbeitsgruppe vor allem eine umweltfreundlichere Mobilität (wichtiges Stichwort hier: Mobilitätsverbund, der individualisiertes Mobilitätsverhalten mit unterschiedlichen Verkehrssystem ermöglicht). Viele Lösungsansätze sind, so wurde betont, als Ideen, Konzepte und Planungen bereits vorbereitet. Es müsse nicht viel neu „erfunden“ werden. Verstärkt werden müsse allerdings das (eu)regionale Denken.

Als konkrete baulich-räumliche Maßnahmen in diesem Zusammenhang wurde die Entwicklung von Mobilitätsknoten genannt – also Schnittstellen zwischen überregionalem Netz (Bahn) und örtlichen ÖPNV (Bus) an Bahnhöfen sowie große Bushaltestellen für die Verknüpfung verschiedener Verkehrsträger.

Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass vorhandene und neue Synergien bei der Abstimmung von Siedlungsplanung und Systemen der Energieversorgung zu nutzen seien.

Folgerungen für die weitere Arbeit am Master- und Flächennutzungsplan

In einem abschließenden Forumsgespräch wurden unter Beteiligung von Planungsdezernentin Gisela Nacken, Prof. Dr. Klaus Beckmann, Prof. Dr. Helmut Breuer, Klaus Dosch, Ajo Hinzen, Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich, Prof. Dr. Christoph Schneider und Prof. Dr. Dirk Vallée unter Moderation von Prof. Dr. Klaus Selle erste Folgerungen für den weiteren Arbeitsprozess gezogen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten aus den Arbeitsgruppen, dass dort anscheinend übereinstimmend, zwei Hinweise stets betont wurden:

  • der „regionale Blick“: als Auftrag an die Bearbeiter des Projektes formuliert „Denkt regional!“ und
  • die Stärkung der Querschnittsbetrachtung aller Handlungsfelder der Stadtentwicklung.

Zugleich wurde deutlich, dass bei einer solchen übergreifenden Betrachtung notwendigerweise auch Widersprüche und Konflikte fühlbar werden: Die nach Prof. Dr. Breuer einfach klingende Aufgabe „Schwächen beheben, Stärken stärken“ stelle in Wahrheit hohe Anforderungen. Hier seien Konfliktthemen nicht zu meiden und es dürfte eine wesentliche Aufgabe des nächsten Bearbeitungsjahres sein, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Einige Teilnehmer der Schlussrunde appellierten zudem an die Auftraggeber und Bearbeiter, visionäre Ideen nicht gleich zu verwerfen: Aachen*2030 müsse im ersten Schritt visionär sein und dann auf die realistische Ebene „heruntergebrochen“ werden. Dass es sich hierbei um eine anspruchsvolle und durchaus nicht widerspruchsfreie Aufgabe handelt, machte aber auch andere Diskussionsbeiträge deutlich: Auch wenn der Auftraggeber sage „Ihr seid frei zu denken“, bewege sich das Projekt nicht im luftleeren Raum: „Die Stadt ist zu 90% gebaut“. Der Prozess knüpfe an Vorhandenes an und baue auf dem auf, was bisher schon erarbeitet wurde. Für „wilde Planspiele“ sei da kein Platz.

Auch hinsichtlich des Zeithorizonts wurden spannungsreiche Vorgaben deutlich: Im Grunde, so hieß es, müsse weit über 2030 hinaus gedacht werden. Zugleich aber müssten die Erfordernisse der nächsten Jahre und konkrete erste Schritte bedacht und vorbereitet werden. Daraus folgt: Die jetzt zu identifizierenden Entwicklungskorridore werden für die ersten Jahre konkrete Konsequenzen sichtbar machen können und müssen für die fernere Zukunft zwangsläufig weiter und offener werden (was auch eine entsprechende Flexibilität der Pläne voraussetze).

Die in der Fachwerkstatt geführten Diskussionen und eingebrachten Anregungen wurden ausgewertet und in ein Eckpunktepapier eingebaut, das Grundlage für räumliche und thematische Schwerpunkte wurde.